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Mission: Die Eintracht-DNA verinnerlichen!

Ein Beitrag von Jussi-Pekka Rode und Rabona95.

Hallo Löwen,

Menschen definieren sich auch heutzutage noch in großem Maße über den Ort, an dem sie geboren sind, wo sie aufgewachsen sind, wo sie leben und arbeiten, mit dem sie sich verbunden fühlen. In Braunschweig, ehemals Hauptstadt des Herzogtums Sachsen bzw. des Freistaates Braunschweig, ist man stolz auf seine langen Traditionen als Sitz der Welfenherzöge und als Hansestadt. Durch den Welfen-Herzog Heinrich ist der Löwe seit dem 12. Jahrhundert das Wahrzeichen der Stadt. Im Herzen bleiben wir Löwen, auch wenn uns das Leben tausende Kilometer weit weggeworfen hat.

Braunschweiger schätzen hartes Arbeiten, sind unheimlich loyal und sie sind stolz auf ihre Stadt. Kunst, Kultur und Wissenschaften spielen eine sehr wichtige Rolle. Charakteristisch für die Einwohner der Stadt Braunschweig ist eine Mischung aus „bürgerlichen“ und „Working-Class“-Elementen. Norddeutsch kühl im Äußeren, Schoduvel-Feierlaune im Inneren, in der Sprache das reinste Hochdeutsch genauso wie das braunschweigische Platt.

Braunschweig ist Tradition.

Wir sind liebenswürdig und voller Leidenschaften. Unsere größten Schwächen liegen darin, dass wir es hinterher immer schon vorher gewusst haben und im Meckern unsere Stärke haben, worauf wir andererseits nicht gerne hingewiesen werden. Wir befinden uns in Braunschweig in verschiedenen Spannungsverhältnissen, beispielsweise was Vergangenheit und Tradition auf der einen Seite, Zukunft, Wissenschaft, Forschung und Innovation auf der anderen Seite betrifft. Braunschweig ist daher schon immer davon geprägt, Gegensätze zu vereinigen, deswegen hat es hier Tradition, Neues zu wagen.

In Braunschweig sind wir seit jeher offen für Neues und dies gilt auch für den Fußball, bei dem wir für wesentliche Innovationen gesorgt haben: Hier ist durch die Lehrer Konrad Koch und August Hermann der Fußball nach Deutschland gebracht worden. Hier wurde der Fußball als Sport für die Öffentlichkeit durch den Besuch des Herzogs 1908 geadelt. Meistertrainer Johannsen war einer der ersten, der mit Jürgen Moll einen offensiven Außenverteidiger aufgestellt hat. Branko Zebec hat zehn Jahre später die Raumdeckung in Deutschland eingeführt.

Der Fußball und die Eintracht sind seit inzwischen 125 Jahren einer der wichtigsten Elemente braunschweigischer Identität. Im Corona-Jahr 2020 haben der Verein, seine Mitglieder und seine Fans durch viele Aktionen bewiesen, dass Zusammenhalt in Braunschweig gelebt wird. Der Name Eintracht ist, das zeigt schon das Wappen, in dem das Rot-Weiß der Stadt vereint ist mit dem Blau-Gelb des Umlandes, also kein Zufall, sondern Programm. Wir leben Eintracht, egal wo wir sind.

Unser Fußball

So wie wir im Alltag leben, wollen wir auch unseren Fußball leben. Die Fans möchten ein Rudel junger Löwen sehen, die sich für sie zerreißen, die sich mit der Stadt, dem Verein und den Fans identifizieren. Wir erwarten von der Mannschaft Beständigkeit, Zusammenhalt und Einsatz. Wir wollen auf dem Platz Kampf, Laufbereitschaft, Biss und Spielfreunde sehen.

Wenn man Jonathan Wilson Glauben schenkt, dann sorgen „Working-Class“-Elemente (so wie bei Boca Juniors in Buenos Aires oder Feyenoord in Rotterdam) mehr für einen kampfbetonten und ergebnisorientierten Balleroberungsfußball, „bürgerliche“ Elemente (so wie bei River Plate in Buenos Aires oder Ajax in Amsterdam) haben eher einen Spielstil zur Folge, der sich am Jogo Bonito orientiert. Der Braunschweiger Fußball ist für uns im Kern „Boca-Style“ mit einem guten Schuss von Ajax.

Schmidt und Bäse wären ohne Ulsaß nicht Meister geworden, umgekehrt genauso wenig. Daher können wir die Braunschweiger Fußball-DNA in vier Kernelemente aufteilen:

  • Arbeiter-Fußball: Laufleistung, Teamarbeit, Arbeit mit dem Ball oder gegen den Ball
  • Feuer-Fußball: körperbetonte, harte Zweikämpfe und defensive Rettungstaten
  • Raubkatzen-Fußball: Tempo, Effizienz, Dominanz oder Cleverness (je nach Gegner)
  • Fußball für das Auge: Spielfreude, Dribblings, schöne Pässe, großartige Kombinationen und Tore, auch Standardtore

Diese verschiedenen Kriterien muss die Mannschaft auf den Platz bringen, um Erfolg zu haben, um uns als Fans wirklich mitzureißen.

Wir wollen im Folgenden überprüfen, wie die jetzige Löwen-Elf die Eintracht-DNA bisher  widerspiegelt. Viele Eigenschaften in den jeweiligen Kriterien sind statistisch messbar.

Arbeit (mit dem Ball und gegen den Ball)

Wenn nichts Anderes gut läuft, dann wollen wir Fans, dass die Mannschaft „wenigstens“ arbeitet. Mit dem Ball, oder oft auch ohne. Am Ende des Spieles wollen wir, dass die Spieler alles gegeben haben. Hier können wir z. B. die Laufleistung der  Zweitligamannschaften vergleichen. Eintracht ist in drei Spielen 320,57 km gelaufen, was der schlechteste Wert in der Liga ist –  rechnet man die Teams, die nur zwei Spiele auf dem Buckel haben, heraus.

In Braunschweig will man die Spieler Schwitzen sehen!

Wie sieht es mit der Arbeit gegen den Ball aus? Hier können wir das Pressing der Braunschweiger Eintracht betrachten, welches man mit dem PPDA-Wert (Pro Abwehraktionen ermöglichte Pässe) messen kann. Eintracht ist in diesem Bereich in der Liga im Mittelfeld und knapp unter den Durchschnitt mit einem PPDA-Wert von 10,51. Anders ausgedrückt, die Eintracht presst ungefähr so wie die Liga im Durchschnitt.

Fazit: Eintracht presst zwar den Gegner, ist aber in der Laufleistung das Schlusslicht der Liga. Nicht wirklich das, was wir von der Mannschaft als Fans erwarten.

Feuer-Fußball –  die Hütte soll brennen!

Geht ein Spiel mal nicht in die gewollte Richtung, beurteilen wir Fans dann meistens die kämpferische Leistung der Mannschaft. Haben die Löwen sich mit allen Mitteln gewehrt? War Feuer in ihren Augen? So hat die Eintracht in den letzten drei Ligaspielen nur einen Punkt geholt. Doch haben sich die Spieler nach Kräften gewehrt?

Die Hütte soll brennen!

In diesem Fall können wir mehrere Statistiken betrachten. Wir können z. B. nachsehen, wie viele Fouls oder gelbe Karten die Löwen bisher bekommen haben. Hier liegt Eintracht in der 2. Liga unter dem Durchschnitt. Eintracht hat in drei Spielen 30-mal den Gegner gefoult. Der Ligadurchschnitt liegt laut Wyscout bei 39,28. Eintracht foult den Gegner nur 9,64-mal pro 90 Minuten, das ist der „schlechteste“ Wert in der ganzen Liga. Eintracht bekommt auch wenige gelbe Karten: Fünf bisher bei einem Ligadurchschnitt von 6,33.

Auch die defensive kämpferische Teamarbeit, die Eintracht-Fans eigentlich von ihrem Team erwarten, sieht man in den Statistiken nach drei Spieltagen nicht unbedingt. Eine Statistik, die wir beobachten können, ist die Herausforderungsintensität: Duelle, Tackling und Ballabfangen pro Minute des gegnerischen Ballbesitzes. Hier liegt Eintracht mit 6,0 unter dem 2. Ligadurchschnitt von 6,84. Es ist der drittniedrigste Wert in Liga.

Und was zeigt die Zweikampfstatistik? 45,1 % gewonnene Zweikämpfe. Der Gegner hat allerdings 48,3 % der Zweikämpfe gewonnen. Auch hier müssen sich die Löwen geschlagen geben.

Fazit: die Löwen wehren sich bis dato nicht genug und spiegeln somit nicht wider, was wir unter Eintracht verstehen.

Raubkatzen -Fußball

Eintracht soll schnell und effizient spielen. Diese Eigenschaften muss das Team besonders in der 2. Liga als Underdog zeigen. Weil man selten gegen einen Gegner wirklich der dominante Teil ist, erwarten die Fans Cleverness und Effizienz.

Unter Marco Antwerpen haben wir Predator -Fußball gesehen.

Sehen wir uns zunächst die Schnelligkeit an. Eintracht ist in den drei Ligaspielen bisher nur einmal mehr Sprints gelaufen als der Gegner. Im Heimspiel gegen Kiel hatten die Löwen 10 Sprints mehr als Kiel: 211 – 201. In beiden Auswärtsspielen verloren die Löwen in der Sprintstatistik deutlich: 166 – 200 und 170 – 235.

Auch im direkten Vergleich zwischen den schnellsten Spielern der beiden Mannschaften war Eintrachts schnellster Spieler immer knapp langsamer als sein direkter Konkurrent:

  • 1. Spieltag, Heidenheim – Braunschweig: Sessa 33,3 vs. 33,2 (km/h) Kaufmann
  • 2. Spieltag Braunschweig – Kiel: Klass 32,7 vs. 33,5 (km/h) Bartels
  • 3. Spieltag Hannover – Braunschweig: Maina 34,2 vs. 33,8 (km/h) Bär

Wie steht es mit der Cleverness und der Effizienz? In den vier Pflichtspielen hat Eintracht bisher im Schnitt die schlechtere Bilanz bei den erwarteten Toren als die Gegner: 1,23 – 1,72 xG. Diese Werte werden allerdings besonders von dem Hannover-Spiel gedrückt. Von Eintrachts Schüssen sind 35,7 % aufs Tor gegangen und beim Gegner war es bei 32,4 % der Schüsse der Fall. Im 2. Liga- -Vergleich fällt dieser Wert bei der Eintracht allerdings auf 25 % und ist damit der zweitschlechteste Wert in der ganzen Liga. Das gleiche gilt für die erwarteten Tore: Hier ist Eintracht mit 2,79 xG im Ranking die schlechteste Mannschaft.

Und wie ist es mit Balleroberungen? Schließlich sind schnelle Balleroberungen ein klares Merkmal für raubkatzenartiges Angreifen. 71 vs. 75,67 für den Gegner. Das gleiche gilt für das Abseits. Eintracht stand pro Spiel im Schnitt 2,33-mal im Abseits. Der Gegner dagegen nur 0,67-mal. Nicht besonders clever. Dazu kommt noch, dass die Schussentfernung mit 20,01 m im Durchschnitt viel länger ist als beim Gegner mit 16,51 Meter. So ist es schwierig, effizient zu sein.

Fazit: Eintracht spielt momentan keinen Raubkatzen-Fußball. Die Mannschaft ist zu langsam und ineffizient, das ist noch nicht löwenwürdig.

Was für´s Auge

Weil Eintracht-Fans zusätzlich von ihrer Mannschaft erwarten, dass sie außer Kampf und Leidenschaft auch fußballerisch etwas bietet, haben wir in der Eintracht-DNA das Kriterium „Was für das Auge.“ Wir wollen, dass die Spieler dribbeln, Zuckerpässe spielen und geile Tore schießen. Auch schöne Standardtore kommen bei uns gut an.

Löwen brauchen auch Futter für die Augen!

Schauen wir uns die 1 vs.1 -Dribbelaktionen an. Eintracht-Spieler dribbeln im Schnitt 19,61 je 90 Minuten. Das ist im Vergleich zu den anderen Teams sehr wenig und wir liegen damit auf dem 15. Platz. Allerdings waren unsere Dribbelaktionen oft erfolgreich mit 59 % –  der drittbeste Wert in der Liga.

Auch Pässe können schön sein. Besondere Bälle, die den Gegner überraschen, gefallen uns sehr. Hier gibt es ebenfalls eine Statistik, die wir betrachten können: Die intelligenten oder geschickteren Pässe. Solche Pässe spielt Eintracht nur 2,25 pro 90 Minuten, was deutlich unter dem Ligadurchschnittwert von 4,8 liegt. Damit sind wir auf dem zweitletzten Platz in der Liga. Bei den Schlüsselpässen sieht es etwas besser aus: 3,86 Pässe im Schnitt je 90 Minuten. Das ist besser als der Ligadurchschnitt von 3,43 Pässe pro 90 Minuten.

Fazit: Momentan ist dies die stärkste Eigenschaft der Meyer-Elf. Spielfreude ist bei der Mannschaft erkennbar, besonders im Passspiel. Hier zeigt sich bereits die Handschrift des Trainers. Die Torchancen müssen allerdings noch hochprozentiger werden.

Die fehlende Eintracht-DNA bei der Meyer-Elf?

Zusammengefasst müssen wir leider zugeben, dass die Meyer-Elf momentan noch nicht die Eintracht-DNA widerspiegelt. Sollte sich daran nichts Fundamentales ändern und der Erfolg damit ausbleiben, wird es die Mannschaft schwer haben, die Herzen und Köpfe der Fans zu erreichen. Das sieht man vor allem an einem Spieler wie Suleiman Abdullahi, der beispielsweise mit seiner Laufleistung von 9,01 km / 90min der schlechteste Feldspieler ist.

Sollte es Taktik sein, scheint es die falsche Taktik aus Sicht der Eintracht-Fans zu sein und sollte auch kritisiert werden dürfen. Da Manni auch die anderen Kriterien nicht erfüllt, steht er mit Recht in der Kritik. Doch sollte es von Daniel Meyer so gewollt sein, dass seine Spieler weniger laufen, sollte dies kommuniziert werden, damit die Spieler nicht zu Unrecht in der Kritik stehen.

Alles in allem können die Spieler das ihnen vor der Saison attestierte Potential noch nicht als Mannschaft in der nötigen Art und Weise abrufen, was, da sie neu zusammengestellt worden ist, zwar kein Wunder ist, was aber auf Grund der Umstände schnellstmöglich verändert werden muss. Die Zeit, die man dafür eigentlich bräuchte, gibt es im Grunde nicht.

Cheftrainer Meyer und sein Team stehen also vor der riesengroßen Herausforderung in den nächsten Wochen und Monaten, die Eintracht-DNA  so schnell und intensiv wie nur möglich zu verinnerlichen und in Punkte und Siege umzumünzen. Dazu muss man offensichtlich neue Wege gehen, was zum Beispiel Teambuilding oder mentale Aspekte angeht. Wenn nicht hier, wo sonst? Wenn nicht jetzt, wann dann?

Wir Fans sollten auf der anderen Seite das größtmögliche Maß an Geduld aufbringen, denn mit Daniel Meyer haben wir einen Trainer, der grundsätzlich alles dafür mitbringt, die Herausforderung zu meistern, diese Quadratur des Kreises hinzubekommen.