Fünf Gründe wieso es mit der Eintracht so schief läuft

Hallo Löwen,

ein rabenschwarzer Monat geht zu Ende. Mit einem Punkt aus drei Spielen und drei zu neun Toren, ist die Krise endgültig in Braunschweig angekommen. Dabei sind es nicht die Niederlagen die so sehr schmerzen, denn wir alle sollten wissen, dass Eintracht diese Saison um nichts anderes spielt, als den Klassenerhalt. Nein, es ist die Art und Weise wie Eintracht diese Spiele vergeigt hat. Auch die Spiele davor haben sie nicht besonders überzeugt. Was läuft bei der Eintracht schief? Ich habe fünf Gründe gefunden, die tiefer gehen, als nur die aktuelle Taktik oder Aufstellung.

Grund Nr. 1: Der Kader

Die Ausgangslage, dass wiederhole ich nochmal gerne, sollte allen klar sein. Eintrachts Kader ist in mehreren Vergleichen nur auf Platz 17 – dies war die Einschätzung von Datenscouting- und Rating- Firma Global Soccer Networks (GSN) vor der Saison und Stand jetzt ist es auch genauso. Die selbe Meinung vertritt die Datenanalyse Seite FiveThirtyEight, die Eintracht Braunschweig in ihrer Prognose auf dem 17. Platz sieht, mit aktuell einer 50 % Wahrscheinlichkeit abzusteigen. Und um mich wirklich klar auszudrücken, dass bestätigen auch die Leistungen des Kaders. Die Datenrating- Firma Soccerment hat einen SPR-Performance-Index, dieser zeigt die Eintracht aktuell auf dem 17. Platz mit 29 SPR-Performancepunkten.

Am Ende des Tages muss die Mannschaft über sich hinauswachsen, wie man so schön sagt. Das fehlende Heimpublikum macht die Sache nicht besonders leichter. Die letzten Studien zeigen, dass besonders schwächere Mannschaften von einem Heimpublikum profitieren.

Grund Nr. 2: Die Verletzungen

Wie haben also einen nicht so qualitativ konkurrenzfähigen Kader. Dazu kommt der Fakt, dass wir mit einigen Verletzungen sehr geschwächt wurden. Anfang September schrieb ich eine Kaderanalyse, die auf den Daten von GSN basierten. Wenn wir uns dieses Bild nochmal anschauen, sehen wir, dass mit den Verletzungen von Niko Kijewski (GSN-Index 47,82), Suleiman Abdullahi (54,44) und Martin Kobylanski (49,96) Spieler ausgefallen sind, die wir nicht kompensieren können. Bei Koby besteht die Hoffnung, dass er bald wieder von Anfang an spielen kann, aber bei Manni ist es eher unwahrscheinlich und bei Kiwi hoffnungslos. Bei einem Kaderdurchschnitt-Index von 42,96 sind das alle Ausfälle, die den aktuellen Kaderwert noch tiefer sinken lassen.

GSN-Kaderanalyse, Anfang September.

Auch die anderen Ausfälle bringen uns nicht gerade woran. Mit Iba May, Nico Klaß, Matthias Heiland und Leon Bürger verlieren wir aktuelle talentierte Spieler, die man nicht weiter fördern kann. Man sollte den Verletzungsgründen auf die Spur gehen. Denn weitere Ausfälle können wir nur schwer, bis gar nicht verkraften. Und die Wirkung von Schlafmangel bei Felix Kroos als junger Vater sollte man auch nicht unterschätzen.

Grund Nr. 3: Limitiertes Datenscouting

Das Thema Scouting war in den letzten Tagen sehr präsent und der Verein musste sich dazu auch äußern. Laut Geschäftsführer Sport, Peter Vollmann, fehlen der Eintracht die finanziellen Mittel. „Wir müssen uns damit arrangieren, dass wir in diesem Bereich selber einen hohen Aufwand betreiben müssen. Es ist unumgänglich, sich dabei auf die wesentlichen Dinge zu fokussieren. Daher folgt die Eingrenzung der Spieler auf eine kleinere Anzahl, die man abarbeiten kann.“.

Laut vieler Fans und den Verein, hat Peter Vollmann im Bereich Scouting vieles richtig getan, mit begrenzten Mitteln. Ich bleibe aber bei meiner Meinung, dass Eintracht hier zu klein und regional denkt und dass man nicht weiß, was man mit Daten alles machen kann und was für Daten es auf dem Markt gibt. Mit Datenscouting kann man die Deckungsfläche erweitern und dabei benötigt man überhaupt keine besseren finanzielle Mittel. Ganz im Gegenteil, man kann kosten sparen, wenn man gleichzeitig qualitativ bessere Spieler findet und die noch möglicherweise günstiger bekommt. Bevor man den Trainer rausschmeißt und dafür einen neuen holt, sollte man lieber das Geld in eine gute Datenscouting Firma investieren, damit mit man im Winter qualitativ bessere Spieler holen kann.

Grund Nr. 4: Missverständnis von Qualität

Peter Vollmann antwortete lachend im Interview von Abseits.TV auf eine hypothetische Frage, welchen Spieler er immer verpflichten könnte: „Den Torschützenkönig“. Vielleicht als Witz gemeint, zeigt die Antwort die tiefe Empfindung der „Generation Kicker“: die besten sind die, die viele Tore schießen, schöne Pässe spielen und viele Zweikämpfe gewinnen. Die digitalisierte Datenwelt erzählt aber eine ganz andere Geschichte. Die Erfolgsgeschichte von „expected Goals“ belehrt uns z. B, dass nicht immer die gemachten Tore von der Qualität erzählen, sondern die Torchancen. In einer Menge Daten können wir sehen, wer nur von Spielglück oder guten Mitspieler profitiert und wer wirklich die spielerische Qualität anhebt.

SPR-Vergleich zwischen Schultz und Nikolaou (Soccerment)

Da müssen wir die TOP 3. Liga-Transfers wie z. B. Fabio Kaufmann und Michael Schultz kritisch betrachten. Auf den ersten Blick scheinen sie Sinnvoll, doch aktuell senken sie die Qualität der Mannschaft, statt sie anzuheben. Sie hatten auch eine gewaltige Überperformance in der letzten Saison. Beide hatten im September einen GSN- Index unter dem Kaderdurchschnitt- Index. Dabei kommt Schultz im SPR-Indexvergleich noch gut weg, denn er ist mit 30 SPR-Punkte über dem Durchschnitt, hat sich aber im Spiel gegen Darmstadt krasse Fehler geleistet. Dagegen ist Fabio Kaufmann mit 25 SPR-Punkten deutlich unter dem Durchschnitt und bleibt, wie ich schon im September vermutet habe, ein möglicher Flop- Kandidat.

Grund Nr. 5: Die fehlende Eintracht-DNA

Daniel Meyer stellte sich auf der Pressekonferenz vor der Partie gegen Darmstadt demonstrativ vor seine Mannschaft und kritisierte dabei scharf die Fans. Dabei missachtet er die grundsätzliche Eintracht-DNA: Teamarbeit, Kampf, Cleverness (was ich Raubtiere nenne) und Zauber. Einen besonderen Wert legen wir Fans auf eine gute defensive Leistung und kämpferische Spieler. Das verkörpern Spieler wie Felix Dornebusch nun überhaupt nicht, weil sie den Status nicht besitzen und Verbal zu lahm sind. Auch die Eintracht- DNA- Daten sprechen nicht dafür, dass die Mannschaft in den letzten Spielen so spielt, wie wir es erwarten. Das bringt Aufruhe mit sich.

Dornebusch-Daten erzählen auch, dass er zu Recht kritisiert wird (Quelle: Wyscout).

Es fehlt mir hier, wie schon mehrmals angesprochen, eine grundsätzliche Spielphilosophie, die nach der Eintracht-DNA aufgebaut werden sollte. Daniel Meyers Verpflichtung war laut GSN eine, die überhaupt nicht zum Spielstil der Eintracht passte. Nach Marco Antwerpens Predator- Fußball waren wir alle froh, dass es vorbei war. Doch was Meyer mit Eintracht plant ist wieder ganz was anderes.

Hier ist meiner Meinung nach aber nicht der Trainer allein schuld, sondern der Aufsichtsrat und Peter Vollmann, die es verfehlt haben eine Vereinsphilosophie zu kreieren und die Trainer und Spieler nach dieser Philosophie zu suchen. Den Trainer betrifft aber die Verantwortung die Eintracht-DNA zu verstehen und sie in die Mannschaftstaktik zu integrieren. Wie gesagt, es geht nicht so viel um die Niederlagen an sich, sondern eher darüber, wie sie zu Stande kommen.

Fazit

Eintracht muss gegen St. Pauli ein anderes Gesicht zeigen und dafür sorgen, dass die Wintertransfers wirklich einschlagen. Dem Aufsichtsrat sollte bewusstwerden, wie ernst die Lage ist und hier nach zusätzlichen Hilfsmitteln greifen. Auch im Fanlager sollte es spätestens jetzt klar sein, dass es hier nur um den Klassenerhalt geht. Die Forderungen nach vernünftiger Arbeit sollte lauter werden, die Kritik gegenüber einzelnem Spieler dagegen muss leiser werden. Denn am Ende des Tages hat die sportliche Führung die Verantwortung was zu tun ist.

Die Eintracht-DNA: BTSV vs. KSC

Hallo Löwen,

eine sehr schlechte Leistung gegen Karlsruhe. Besonders in der Kampfstatistik sehen wir, dass Eintracht sich in diesem Bereich noch verbessern muss.

Meine Eintracht-DNA-Analyse zum Spiel!

Datenscouting-Guru Böttger antwortet Vollmann: „Wir können Eintracht zeigen, ob ein Spieler besser in der Vierer- oder Fünferkette spielt.“

Hallo Löwen,

in dieser Woche wurde viel über das Thema Datenscouting diskutiert. Peter Vollmann meldete sich am Freitag deswegen zu Wort. Nach der 1:3 Niederlage gegen Karlsruhe kocht die Lage um die Mannschaft herum nochmal ein bisschen höher. Die Wintertransfers könnten eventuell sehr, sehr wichtig werden. Ich habe mit dem Datenscouting-Guru Dustin Böttger über Peter Vollmanns Aussagen und die Situation bei der Eintracht gesprochen.

BGDatenwelt: Hallo Dustin, erstmal vielen Dank für dieses Interview und all die Daten, die du uns Fans der Braunschweiger Eintracht in den letzten Monaten zur Verfügung gestellt hast. Stell dich und deine Firma Global Soccer Network (GSN) kurz vor. Was macht GSN und wie sieht euer Alltag aus?

Dustin: Hallo Jussi, erst mal vielen Dank für das Interview hier auf Blau-Gelbe Datenwelt und ein noch größeres Dankeschön, dass du den Fans von Eintracht Braunschweig Tag für Tag Daten und Statistiken näher bringst.

Kurz zu meiner Person. Ich bin Gründer und Geschäftsführer von Global Soccer Network. Wir bei GSN liefern Analysen zu über 450.000 Spielern weltweit, dazu zu allen relevanten Clubs, Ligen und Wettbewerben. Alles basierend auf Big Data, Algorithmen und künstlicher Intelligenz. Das Ziel war immer, Spieler so objektiv wie möglich zu bewerten, was uns auch ganz gut gelungen ist. Ohne so vermessen zu sein und zu sagen, unser System wäre absolut perfekt – aber daran arbeiten wir jeden Tag :).

Der Alltag sieht so aus, dass wir diverse Anfragen unserer Klienten bearbeiten. Die Anfragen sind dabei so vielfältig, dass es hier den Rahmen sprengen würde, im Einzelnen darauf einzugehen. Mal müssen wir einen bestimmten Spielertypen analysieren, mal eine komplette Liga nach passenden Kandidaten durchforsten, mal auch nur einen Scouting Report zu einem speziellen Spieler anfertigen. Dazu beraten wir auch Clubs auch, wie sie ihre Scouting- und Analyseabteilungen optimal aufstellen können. Und wir entwickeln natürlich unsere Algorithmen und Systeme ständig weiter, testen dazu auch immer wieder neue Dinge, neue Metriken und Ansätze, die den Fußball noch ein paar Prozent berechenbarer machen sollen. Das ist der Part, der mir übrigens am meisten Spaß macht :). Das hat sich über all die Jahre nicht geändert. Allerdings hatte ich vor Corona wenig Zeit dazu, da ich doch sehr oft weltweit unterwegs war. Das ist momentan alles etwas entspannter, obwohl ich natürlich auch hoffe, dass diese Pandemie bald ein Ende hat.

Datenscouting-Guru Dustin Böttger, CEO von Global Soccer Network.

BGDatenwelt: Es wurde in den letzten Tagen viel über Scouting mit Daten bei der Eintracht geredet. Du und deine Firma Global Soccer Network verdienen mit Datenscouting und Spielerranking euer Brot. Wie betrachtest du die Diskussion in Deutschland und ganz besonders bei der Braunschweiger Eintracht?

Dustin: Manchmal bin ich ehrlich gesagt etwas überrascht über die Thematik der Diskussion. Ich könnte es nachvollziehen, wenn wir inhaltlich diskutieren würden. Macht Wert A mehr Sinn als Wert B? Welche Werte könnten bei der Spielerbewertung interessant und vor allem relevant sein? Darüber diskutieren wir aber nicht, mit Ausnahme der Analyseszene vielleicht. Wir hier in Deutschland und soweit ich das einschätzen kann, auch im Umfeld der Braunschweiger Eintracht, führen eher die Grundsatzdiskussion, ob Datenanalysen im Fußball überhaupt Sinn machen? Es wird immer noch als Schwachsinn, Nerdsch… etc. abgetan. Man hat doch zwei Augen und ein gutes Bauchgefühl. Dazu ist Fußball so ein einfaches Spiel, da sieht doch jeder, ob ein Spieler gut ist oder schlecht. So einfach ist es, meiner Meinung nach, aber nicht. Was bringen uns Daten? Richtig genutzt bringen sie uns Objektivität in eine Beurteilung. Richtig genutzt bringen sie uns Effizienz. Richtig genutzt minimieren sie die Fehlerquote. Bezogen auf den Fußball heißt das, wir können Spieler leistungsgerecht bewerten. Wir können diese Bewertungen quasi auf Knopfdruck für tausende Spieler gleichzeitig abrufen. Und wir können uns im Nachgang auf die 5 bis 10 relevanten und richtigen Spieler fokussieren.

Die Diskussion sollte also nicht sein, Datenanalyse – ja oder nein? Sondern Datenanalyse ja – wie benutze ich sie richtig und effizient. Da hinkt der Fußball, gerade in Deutschland und auch im Speziellen in Braunschweig, wenn man die Aussagen der Verantwortlichen in Betracht zieht, sehr hinterher. In anderen Ländern ist das alles längst angekommen, da stellt sich die Frage, ob ja oder nein, nicht mehr. Will der Fußball hierzulande konkurrenzfähig bleiben, wird er sich dem anpassen müssen, umso schneller umso besser.

BGDatenwelt: Peter Vollmann, Geschäftsführer Sport bei der Eintracht und Verantwortlicher für den Bereich Scouting bei der Eintracht, meldete sich auf der Homepage und auf Abseits.TV nach der Kritik, die er wegen seiner Aussagen auf der Jahreshauptversammlung bekommen hat, zu Wort. Im Interview auf eintracht.com sagte er:

„Daten sind erstmal nur Zusatzinformation. Die Daten werden mit einem Algorithmus generiert. In verschiedenen anderen Branchen, wie zum Beispiel der Finanzwirtschaft, macht ein Algorithmus auch nicht immer alles richtig. Die letzten Daten liefert uns das aber nicht, sondern die müssen wir uns selbst erarbeiten.“

Wie beurteilst du seine Aussage?

Dustin: Ja, was soll ich dazu sagen? Wie formuliere ich das ohne jemanden zu nahe zu treten? Peter Vollmann ist schon lange im Geschäft, hat großen Fußball Sachverstand und ganz bestimmt sehr viel mehr richtige Entscheidungen getroffen als falsche. Aber diese Aussage, nun ja. Daten als Zusatzinformationen zu bezeichnen, verstehe ich nicht. Als Zusatz zu was? Der eigenen Intuition? Der eigenen Einschätzung? Hier wird aus meiner Sicht ein grundlegender Fehler gemacht. Daten sollten NIE nur Zusatzinformation sein. Daten sollten die Grundlage für Entscheidungen sein! Dramatisieren wir das mal und vergleichen es mit der aktuellen Coronakrise. Ich will mir nicht vorstellen, wie die Zustände in Deutschland wären, wenn die Entscheidungsträger die Daten zu Corona nur als Zusatzinformation betrachten würden und nicht als Entscheidungsgrundlage. Ich denke, unsere Infektionszahlen würden durch die Decke gehen. Harter Vergleich, zugegeben. Aber es trifft den Kern.

Peter Vollmann spricht von einem Algorithmus. Was für ein Algorithmus? Was soll der Algorithmus aussagen? Das ist nichtssagend und sehr oberflächlich. Wenn ich mir unser System anschaue, kann ich nicht von „dem Algorithmus“ sprechen. Wir haben zig Algorithmen im Einsatz. Sei es, um das Potential zu bewerten. Sei es dafür, wie deckungsgleich Spieler in ihrer Spielweise sind. Ich könnte noch eine Weile weitermachen mit meiner Aufzählung. „Den Algorithmus“ gibt es schlicht nicht, wenn man sich allumfassend mit Datenanalysen beschäftigt.

Ein Algorithmus macht nicht alles richtig. Da stimme ich Peter Vollman voll und ganz zu. Weder Algorithmen in der Finanzwirtschaft machen alles richtig noch unsere Algorithmen bei GSN machen alles richtig. Werden sie im Übrigen auch nie können. Das vorweg. Sollen sie aber auch gar nicht. Sie sollen viel eher die Fehlerquote minimieren und so gering wie möglich halten. Machen Menschen und ihre Einschätzungen und Eindrücke alles richtig? Ganz bestimmt nicht! Auch hier kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass man mit seinen Eindrücken und Einschätzungen meilenweit daneben liegen kann. Sowohl im Fußball als auch in allen anderen Lebensbereichen.

Wenn man mich fragen würde, ob ich mittel- und langfristig im Scouting auf menschliche Einschätzungen oder Algorithmen setzen würde, würde ich immer den Algorithmus vorziehen, da die Fehlerquote auf Sicht geringer sein wird.

“The idea that I should trust my eyes more than the stats, I don’t buy that because I’ve seen magicians pull rabbits out of hats and I know that the rabbit’s not in there.” (Billy Beane – Moneyball)

Die letzten Daten? Schwer zu deuten, was damit gemeint ist. Ich gehe davon aus, dass damit Dinge wie die Persönlichkeit eines Spielers gemeint sind. Ist er introvertiert oder extrovertiert? Geht er in Drucksituationen voran? Braucht er Coaching von Mitspielern während einer Partie? Wenn dem so ist, teile ich seine Meinung zu großen Teilen, aber nicht komplett. Meine Meinung ist die, dass es für gewisse Einschätzungen zu Spielern, ich will es mal grob zusammengefasst, „alles Mentale“ nennen, Menschen braucht. Geschulte Scouts, die ein Auge genau für diese Dinge haben. Das ist auch essentieller Teil unseres Systems. Unser Netzwerk an Scouts weltweit liefert genau das über Spieler. Insofern ist der Faktor Mensch oder das klassische Scouting nicht zu ersetzen. Aber man kann es weiterdenken. Und die Einschätzungen der Scouts in Zahlenwerte transferieren. Das geht. Wir hatten am Anfang davon auch keine Ahnung, haben uns aber Expertisen von Sportpsychologen zu dieser Thematik geholt. Und siehe da, auch das können Daten letztlich liefern.

BGDatenwelt: Peter Vollmann hat öfter angedeutet, als Verantwortlicher für Spielerverpflichtungen wird man nur so von Angeboten von Beratern zugeschüttet. Was kann ein Verein wie Eintracht tun um den Überblick nicht zu verlieren?

Dustin: Ganz kurz und knapp. Auf Daten setzen. Auf eine Datenbank setzen, die die richtigen Informationen zu den Spielern liefert, die Daten in Kontext setzt und keinen Raum für Interpretationen lässt. Macht einen Club im Übrigen auch sehr viel unabhängiger was die Einflussnahme von außen angeht, sei es durch Spielerberater, Medien etc..

BGDatenwelt: Vollmann hat auch viel von einem Algorithmus gesprochen und angedeutet, dass der Algorithmus nicht alles erzählen kann, zum Beispiel nicht, in welchem System ein Spieler reinpasst, ob ein Spieler in einer Fünferkette und Viererkette spielen kann und wie wichtig sein Nebenmann für ihn ist. Laut Vollmann bleiben bei dem Algorithmus viele Daten außen vor. Er fügte auch hinzu, dass wenn der Algorithmus so perfekt wäre, dann würde es auch keine Fehlverpflichtungen mehr geben. Automatisch würde er mehr richtig liegen. Was denkst du über seine Aussagen und was kann der Algorithmus bei GSN alles sagen? Hat Peter Vollmann recht?

Dustin: Ich habe es ja zwei Fragen zuvor eigentlich schon beantwortet. Ich weiß nicht, mit welchen Algorithmus Peter Vollmann bzw. die Verantwortlichen in Braunschweig, arbeiten. Für mich klingt diese Aussage sehr platt und vermittelt mir den Eindruck, dass man sich nicht wirklich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Wir können mit unseren Daten sagen, ob ein Spieler besser in der Vierer- oder Fünferkette spielt, wir können die Abhängigkeit seines Nebenmanns berechnen, wir können ebenfalls berechnen, welcher Spieler wie gut mit seinen einzelnen Mitspielern zusammenspielt. Dazu gibt es zig weitere Dinge, die machbar sind. Ich kann Spieler aufgrund ihrer Spielweise und Eigenschaften miteinander vergleichen, um zu sehen, wie deckungsgleich sie sind. Ein großes Plus, wenn ich einen bestimmten Spieler möglich 1 zu 1 ersetzen will. Ich kann meine eigene Spielweise analysieren und sie mit allen anderen Clubs weltweit vergleichen. Welche Clubs haben zu einem hohen Prozentsatz ein gleiches Spielsystem und welche Spieler spielen dort? Kennt ein Neuzugang meine Spielweise von seinem alten Club, wird er sehr viel weniger Zeit zum Eingewöhnen brauchen und wird wesentlich schneller gut performen. Das ist alles nur die Spitze des Eisberges, es ist noch so viel anderes machbar, was mir Vorteile im Scouting und in der weiteren Entscheidungsfindung bringt.

Insofern kann ich Peter Vollmann hier in keinster Weise recht geben, ganz im Gegenteil. Aufgrund dieser Aussagen behaupte ich, dass man sich maximal oberflächlich mit diesem Thema befasst hat.

BGDatenwelt: Es gibt viele Trainer und Scouts (und eben auch Geschäftsführer Sport), die viel Wert auf Live-Beobachtungen oder das Videomaterial legen. Wie siehst du das Thema?

Dustin: Ich halte sie für unverzichtbar! Ganz ehrlich. Aber man muss es alles richtig zu nutzen wissen. Stellen wir uns das Scouting als drei Säulen vor. Die erste Säule die Daten, die zweite Säule die Videos, die dritte Säule das Livescouting. Ist die Reihenfolge der Säulen relevant? Absolut! Weil NUR SO wirklich effizient gescoutet werden kann! Die Daten müssen meine Grundlage sein – immer! Dann muss ich mir nicht 200 mögliche Sturmkandidaten reinziehen, sondern kann es basierend auf den relevanten Daten auf 20-25 Kandidaten runterbrechen, oft ist Liste noch kürzer. Aber gehen wir mal von 20 Kandidaten aus. Wir haben also von 200 möglichen Kandidaten quasi via Knopfdruck auf 20 Kandidaten runtergebrochen. Was auch bedeutet, ich habe plötzlich viel mehr Zeit für die Säulen Zwei und Drei. 90% sind via Knopfdruck weggefallen und ich kann mich nun viel intensiver dem Videoscouting, den wirklich relevanten Kandidaten widmen. Dadurch wird auch diese Säule qualitativ wesentlich besser, da ich plötzlich nicht mehr so unter Zeitdruck stehe. Durch das Videoscouting konnte ich wiederum einige Spieler ausschließen, weil mir beispielsweise gewisse Bewegungsabläufe nicht gefallen, das taktische Verhalten in gewissen Schlüsselsituationen vielleicht nicht so passt etc.. Dafür ist das Videoscouting da, um genau das zu erkennen. Was passiert mit meiner Liste von Spielern? Von 20 haben ich nun vielleicht noch 5-7 Kandidaten über, die ich nun, ebenfalls durch die immensen Zeiteinsparungen zu Beginn, intensivst live scouten kann, vielleicht sogar das Umfeld des Spielers kennenlernen kann, um den letzten finalen Eindruck zu bekommen, ob der Spieler passt oder nicht.

Agiere ich so, ist mein Scouting sowohl effizient als auch kostengünstig, was gerade bei Clubs ohne, oder mit einer sehr kleinen Scouting Abteilung, ein absolutes Muss sein sollte.

BGDatenwelt: Eintracht hat immer noch keine Scouting-Abteilung und ein Grund dafür soll sein, dass dazu die finanziellen Mittel fehlen. GSN hat Eintracht das Angebot gemacht, sie kostenlos zu beraten. Was könntet ihr der Eintracht in dieser Situation anbieten, weswegen Peter Vollmann sofort zum Telefon greifen muss und Dustin Böttger anrufen sollte?

Dustin: Das ist mir zu einfach, das auf finanzielle Mittel zu schieben, tut mir leid. Die Frage, die ich mir da stellen muss, ist eher, ob ich anstatt 27 oder 28 Spieler im Kader vielleicht doch mit 25 zurechtkomme. Meinen Kader vielleicht strukturierter zusammenstellen, mehr polyvalente Spielern die mehrere Positionen bekleiden können, zum Beispiel. Die Spieler 26, 27, 28 kommen sehr wenig zum Spielen, stehen aber auf der Payroll. Gehen wir davon aus, dass diese Spieler nicht zu den Großverdienern im Kader gehören, sondern eher am unteren Ende der Gehaltsliste stehen. Das Mindestgehalt für Spieler der 2.Liga liegt nach meinem Kenntnisstand bei 1950 Euro brutto pro Monat. Nehme ich das x12 und das wiederrum x3, komme ich auf 70.200 Euro, die ich im Jahr frei hätte für Scouting und Analyse. Und das ist sehr sehr niedrig kalkuliert, man könnte wahrscheinlich deutlich mehr Budget frei machen, wenn man das wollte.

Ich habe auch die Aussage von Herrn Vollmann im Kopf, dass der Markt Gehalt und Marktwert bestimmen. Das stimmt nur bedingt. Es gibt diverse Marktineffizienzen im globalen Fußball, die muss man finden und ausnutzen. Wenn ich kein Geld habe, muss ich irgendetwas anders machen als der Rest. Beispiel Moneyball und die Oakland A´s unter Billy Beane. Die Payroll war ein Witz im Vergleich zu den New York Yankees, Boston Red Sox etc., das Team hatte eigentlich überhaupt keine Chance. Man hat sich aber genau die genannten Marktineffizienzen zunutze gemacht und hatte plötzlich eine schlagkräftige Truppe. Geht nicht im Fußball? Geht doch! Der FC Midtjylland in Dänemark und der FC Brentford in England sind Paradebeispiele dafür. Midtjylland ist mittlerweile 3- maliger dänischer Meister, setzt zu einem sehr großen Teil auf Datenanalysen. Brentford in der englischen Championship ein Aufstiegskandidat in die Premier League trotz einem im Ligavergleich geringen Etat. Auch hier sind Datenanalysen der wesentlichste Teil des Scoutings.

Eintracht Braunschweig wäre aus meiner Sicht einer der idealen Clubs, diese Art des Scoutings umzusetzen. Aktuell keine Scouting Abteilung in Sicht, das Budget sehr gering. Um auf Dauer konkurrenzfähig zu sein und bleiben zu können, wäre es wünschenswert, wenn die Verantwortlichen willens wäre, ihre Einstellung zu ändern beziehungsweise anzupassen. Ich erneuere mein Angebot noch mal, wir würden Eintracht Braunschweig zum Einstieg kostenlos beraten, zeigen, was wirklich mit Daten möglich ist, zeigen, welche Spieler für Braunschweig interessant und bezahlbar sein könnten. Aus unserer Sicht kann Braunschweig hier nur gewinnen, im Idealfall durch die Optimierung der Scouting Prozesse, aber selbst wenn nicht, ist man immerhin auf dem aktuellen Stand, was Daten so alles können und hat zusätzlich eine neue Sichtweise auf die Dinge gewonnen. Letztlich liegt es jetzt an den Entscheidungsträgern vor Ort, ich würde mich freuen, von Peter Vollmann zu hören.

BGDatenwelt: Vielen Dank für das Gespräch!

Peter Vollmanns Aussagen:

Abseits.TV

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