Ein Interview von Jens (Teil 1.)

Hallo Torsten, bitte beschreibe als erstes deine Tätigkeit als Fußball-Kommentator bei Sky.

Ich kommentiere seit 2005 bei Sky (vorher Premiere) Fußball-Spiele in der 1. + 2. Bundesliga und im DFB-Pokal – das in unterschiedlichen Formaten: 90 Minuten live oder in der Konferenz oder als Zusammenfassung bzw. Nachbericht in Sportsendungen wie „Alle Spiele alle Tore“.

Torsten Kunde, geboren 1964 in Helmstedt, lebt mit seiner Familie in Braunschweig. Er war viele Jahre Sport-Reporter beim NDR und ist seit 2005 Fußball-Kommentator bei Sky (vorher Premiere).

Welches war Dein schönstes Eintracht-Spiel, was Du kommentieren konntest?

Da gab es zwei Spiele. Zum einen der Aufstieg in die 2. Bundesliga, 2002, als NDR-Radio-Reporter. Ich war live drauf für den NDR, als Thomas Piorunek in der Nachspielzeit – als niemand mehr daran glaubte – das 2:1 gegen Wattenscheid köpfte. Was für eine Erlösung!

Und dann der ersehnte Bundesliga- Aufstieg, April 2013 in Ingolstadt, Damir Vrancic, sein Freistoß, ich war vor Ort, kommentierte live für Sky. Ein perfekter Tag, ein perfektes Erlebnis. Endlich wieder Bundesliga – nach langen 28 Jahren!

Wie schaffst Du es, auch bei Eintracht-Spielen objektiv zu berichten?

Schaffe ich das? (lacht).

Alle Fußball-Kommentatoren sind auch Fußball-Fans und haben einen Lieblingsverein. Natürlich hat man andererseits als Fußball-Kommentator den Anspruch objektiv zu berichten. Das gehört zur Professionalität dieses Jobs, das Spiel nicht aus Fan-Perspektive, sondern objektiv und sachlich kommentieren zu wollen – das gern auch emotional. Aber ich gebe ehrlich zu: Es ist nicht immer einfach; objektiv und sachlich zu bleiben, wenn es meinem Verein nicht gut geht.

Welche Bedeutung hat für Dich die „Systemfrage“, sowohl, was den Fußball allgemein angeht, als auch in Deiner Berichterstattung? Wie wichtig sind also Fragen wie Vierer- oder Dreierkette, ein oder zwei Sechser, ein oder zwei Stoßstürmer?

Eine sehr hohe Bedeutung! Solche Aspekte interessieren mich als Kommentator, aber auch als Fan deutlich mehr als die Frage nach der Frisur oder ob die Spielerfrau mit oben auf der Tribüne sitzt. Taktische Aspekte helfen mir bei der Analyse eines Spiels.

Ein System bzw. eine taktische Grundordnung mit Dreier-Kette / Fünfer-Kette kann das Zentrum stabilisieren, bietet dem Gegner aber auch bestimmte Räume auf den Außen an.
Bei einer Vierer-Kette steht ein Defensivspieler weniger in der letzten Reihe, sie erlaubt mir aber mehr Aktivität im Kampf um den Ball im Mittelfeld und meine Außen sind doppelt besetzt.

Es geht also um das Erkennen von Strukturen eines Spieles –
Strukturen, die mir Antworten darüber geben können, warum eine Mannschaft überlegen ist oder Probleme im Spiel hat.

Wie siehst Du in diesem Zusammenhang Deine Rolle als Kommentator, gerade was die Vermittlung von Fachvokabular betrifft? Siehst Du Dich eher in einer informierenden oder einer unterhaltenden Rolle?

Das ist kein Gegensatz. Die Einseitigkeit halte ich für falsch. Die Kunst ist eine ausgewogene Mischung, eine Balance aus In-formation und Unterhaltung!

Fußball ist immer auch Unterhaltungssport. Allerdings bilde ich ein Spiel so ab, wie ich es sehe und erlebe. Ein wenig unterhaltsames Spiel bleibt in meinem Kommentar ein wenig unterhaltsames Spiel. Sprachwitz dabei finde ich super, wenn er angemessen ist. Häme, Spott, Zynismus, sich über einen Spieler lächerlich machen, um vielleicht eine lustige Note hineinzubringen, finde ich unangebracht. Respekt dem Spiel und den Spielern gegenüber ist mir in meinem Job immer sehr wichtig – und dieser Respekt wird in der Sprache deutlich.

Auf welche Weise nutzt Ihr bei Sky statistische Daten?

Grundsätzlich bin ich nicht der größte Fan von Zahlen. Aber natürlich nutzen wir bei Sky statistische Daten – der eine mehr, der andere weniger. Entscheidend dabei ist die Einordnung der statischen Daten, der Kontext.

Ein Ballbesitz von 70% kann etwas aussagen über die Dominanz einer Mannschaft. Es kann aber auch eine Scheinüberlegenheit sein, eine Spielkontrolle ohne Torgefahr. Es kann auch vom Gegner gewollt sein – um die eigene Spielidee besser durchbringen zu können.

Wichtig einzuordnen ist beispielsweise auch die Passquote bei einzelnen Spielern: Spiele ich nur Sicherheitspässe, habe ich einen Wert von 90%. Der Spieler, der mutig Vertikalpässe spielt, hat dagegen nur einen Wert von 50%, obwohl sein Pass vielleicht zum Torerfolg führt.

Wirklich aussagekräftig ist für mich die Angabe über die Anzahl der herausgespielten Torchancen. Je mehr Torchancen sich eine Mannschaft erspielt, desto höher ist auch Wahrscheinlichkeit, dass du ein Tor erzielt – einfach, aber es bleibt richtig.

Wie schätzt Du auf diesem Gebiet den Trend ein?

Zahlen und Daten sind da und sind Teil des Spiels und sie werden auch immer stärker genutzt. Aber sie werden unterschiedlich eingesetzt.

In den Medien sucht man häufig das Außergewöhnliche. Schalke dreißig Spiele ohne Sieg. Kein Kommentator kommt wohl in diesen Tagen ohne diese Statistik aus. Christian Groß interessiert das in seiner Arbeit mit der Mannschaft nicht. Vereine und Trainer nutzen Daten eher für einen alltäglichen Gebrauch: In der Vorbereitung auf den Gegner bei einer Stärken- und Schwächenanalyse – oder, um die Leistungsmessung und -zuschreibung bei einzelnen Spielern der eigenen Mannschaft zu objektivieren – während der 90 Minuten und auch im Training, um die Trainingsbelastung individuell anzupassen und zu optimieren.

Welche Daten würden dir bei deiner Arbeit helfen?

Dass eine Mannschaft relativ viele Gegentore nach Standards erzielt oder kassiert oder es schafft sich viele Torchancen zu erspielen, ist ein hilfreicher Indikator für mich als Kommentator. Aber noch wichtiger als diese Tatsache ist für mich die Frage nach dem WARUM und dem WIE? Die Muster, die Strukturen, die hinter dem offensichtlichen Indikator stecken, interessieren mich sehr.

Wie stehst Du persönlich zu den Themen datenbasierte Spielanalyse und datenbasiertes Scouting?

Ein professionelles Scouting ohne Daten und Datenbank kann ich mir nicht vorstellen. Der Markt, den ich für mögliche Transfers sondiere und beobachte, ist groß. Und Daten helfen mir dabei den Markt, zu strukturieren und zu systematisieren für den Fall, dass ich einen Spieler auf einer speziellen Position mit speziellen Anforderungen suche und benötige.

Allerdings garantiert dir kein datenbasiertes Scouting auf dieser Welt die richtige Entscheidung. Es ist kein Automatismus. Die Daten sagen mir meistens wenig darüber aus, was für ein Typ dieser Spieler ist, welchen Charakter, welche Mentalität er hat, ob er in meine Mannschaft passt, wie sehr er sich mit dem Klub identifizieren kann, welche Bodenhaftung er hat oder ob er nur kommt zum Abkassieren.
Das passiert jenseits von Daten in einem persönlichen Gespräch, aber du brauchst die Daten für eine Vorauswahl. Gute Neuzugänge sind kein Glückspiel, sondern Ausdruck einer professionellen Scouting-Abteilung.

Du kennst Dich auch im englischen Fußball sehr gut aus, vor allem beim FC Liverpool. Wie wichtig ist Deiner Meinung nach der Einfluss von Dr. Ian Graham und seinem Analyse-Team für den Erfolg vom FC Liverpool?

Er hat einen sehr großen Einfluss auf die Transferpolitik. Einer, der seit 2012 im Klub hinter den Kulissen arbeitet und Klopp Top-Transfers angeboten hat. Andy Robertson zum Beispiel, aktuell einer der besten Linksverteidiger der Welt, der 2017 vom Absteiger Hull City kam und jetzt ein entscheidender Spieler für den Erfolg des FC Liverpool ist. Auch Gini Wijnaldum wurde von ihm bei Newcastle entdeckt. Spieler, die vorher nie ihr Potential gezeigt haben, die aber mit ihrer Spielweise und ihrer Mentalität überragend zu Klopps Mannschaft passen. Ian Graham hat das erkannt und Jürgen Klopp hat beide zu Top-Spielern geformt.

Was sind aus Deiner Warte die größten Unterschiede zwischen dem Fußball in England und in Deutschland?

Deutlich mehr Geld. Das ist ohne Zweifel der erste große Unterschied. Die Stars gehen von Deutschland nach England, nicht umgekehrt. Und dadurch ist nicht nur der Starfaktor in der Premier League höher, was wiederum zur Re-Finanzierung des Systems beiträgt, sondern auch die individuelle Qualität der Mannschaften ist höher. Die Premier League ist oft spannender, weil es immer mehrere Teams gibt, die realistische Chancen haben, die Meisterschaft zu gewinnen.

Von der Kultur und der Tradition her nehme ich auch mehr Respekt wahr. Zeitschinden oder sich nach einem Foul auf dem Boden umherwälzen, ist nicht irgendwie clever oder besonders pfiffig, sondern war schon immer auf der Insel unsportlich – auch vor Zeiten des VAR.

Pfiffe in England gegen die eigene Mannschaft, gegen eigene Spieler, habe ich sehr selten erlebt, verstehe ich auch nicht. Ich gehe nicht zu meiner Mannschaft, um etwas zu erwarten, sondern im schlimmsten Fall durchleide ich mit meiner Mannschaft die 90 Minuten.

In Anfield wird der Torwart der gegnerischen Mannschaft vom KOP immer mit Applaus begrüßt – seit Jahrzehnten ist das so. Mannschaften, die verdient in Anfield gewinnen, werden nicht selten mit Applaus verabschiedet – wenn es nicht gerade Manchester United ist.

Vielleicht ist es dieser Fairplay-Gedanke, dieser Spirit, der mich als Fußballromantiker fasziniert.

Im zweiten Teil des Interviews erfährt ihr, was Torsten Kunde von der aktuellen Entwicklung bei der Eintracht hält. Dieses Interview erscheint später hier auf Blau-Gelbe Datenwelt.

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