Ein Interview von Jens (Teil 2.)

Wir setzen das Interview mit Torsten Kunde fort. Den ersten Teil des Interviews könnt ihr nochmal hier nachlesen.

Torsten Kunde, geboren 1964 in Helmstedt, lebt mit seiner Familie in Braunschweig. Er war viele Jahre Sport-Reporter beim NDR und ist seit 2005 Fußball-Kommentator bei Sky (vorher Premiere).

Wie schätzt Du die momentane Entwicklung des Profifußballs in Deutschland und Europa ein, beispielsweise was die aktuelle Situation, die Verteilung der Fernsehgelder und die Kommerzialisierung betrifft?

Aktuell ist die Situation natürlich durch Corona sehr besonders.
Viele blicken in die Glaskugel mit der Vorhersage, wie sehr sich der Fußball verändern wird. Ich hingegen glaube nicht, dass das so sein wird – im Gegensatz zu vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Man kann da zweifelsohne unterschiedliche Meinungen vertreten, aber ich denke, ganz grundlegende Dinge werden sich nicht ändern, wenn wir über den Profifußball reden. Die Menschen werden nach Corona wieder in die Stadien strömen – vielleicht sogar noch mehr als vorher mit der Erkenntnis, ich weiß, was mir so sehr gefehlt hat.

Und klar gibt es diese kühle, ökonomische Ebene des Fußballs, die Kommerzialisierung, die die Entwicklung des Fußballs maßgeblich prägt. Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum sich bestimmte traditionelle Fan-Gruppen entfremdet fühlen, an den Rand gedrängt fühlen und sie das Spiel nicht mehr als ihr Spiel sehen.

Aber zur Wahrheit gehört eben auch: Profifußball ist Ergebnissport und Profifußball kann ohne Kommerzialisierung nicht erfolgreich sein. Wenn die Eintracht morgen Salah und Sadio Mané verpflichtet, möchte ich den Fan sehen, der das beklagt. Es ist leicht auf die Kommerzialisierung zu schimpfen, aber in Wirklichkeit wollen viele auch den Erfolg mit Ihrer Mannschaft. Ich kenne nicht viele Vereine, die auf Kommerz verzichten und dafür konsequent den Fußball in der Unterklassigkeit leben – obwohl das auch was hat…

Kommerzialisierung wird vor allem dann zum Problem, wenn der Erfolg ausbleibt und zugleich die Spieler die Bodenhaftung verlieren, jegliche Nähe zum Fan verlieren oder die Spieler das Gefühl vermitteln, sie kassieren nur noch ab. Deshalb: Augen auf bei den Transfers.

Wie würdest Du die Entwicklung bei Eintracht Braunschweig beschreiben? Wo siehst Du den Verein gut aufgestellt, was sind Deiner Meinung nach die größten Baustellen?

Derzeit sehe ich die Eintracht in einer sehr kritischen Phase. Ein Traditionsverein wie die Eintracht ist in gewisser Weise unzerstörbar, garantiert aber leider keine Zugehörigkeit auf Dauer in Liga 1 und Liga 2.

In den 90iger Jahren hat der Verein – wie andere Traditionsvereine auch – den Anschluss verloren, gerade in der Phase, in der die Kommerzialisierung Fahrt aufgenommen hat. In den letzten Jahren hat es der Verein geschafft, mit einer Riesenleistung zurückzukommen. Er war auf gutem Weg, sich unter die TOP 25 zu etablieren. Aber leider hat der Abstieg in die Dritte Liga vieles in Frage gestellt. In diesen zwei Drittliga-Jahren hat der Verein vieles von dem verloren, was man sich aufgebaut hat.

Und jetzt, Januar 2021, steht der Verein vor einer Weggabelung: Zurück auf dem Weg zu den TOP 25 oder ereilt uns das Schicksal vieler Drittliga-Vereine. Es ist eine entscheidende Phase für den Klub.
Der Aufstieg in Liga 2 war ein riesiger Glücksfall. Dafür muss man sich aber nicht schämen, zumal im Abstiegsjahr 2014 aus der Bundesliga mit 39 Punkten viel Pech dabei war. Und auch der verpasste Aufstieg in die Bundesliga nach der verpassten Relegation gegen Wolfsburg mit zuvor 67 Punkten und merkwürdigen Schiedsrichter-Entscheidungen war extrem unglücklich.

Das aktuelle Problem: In der 3. Liga wurde keine Mannschaft geformt, die in der Zweiten bestehen kann. Der Umbruch war notwendig und folgerichtig. Diese neu zusammengestellte Mannschaft muss wachsen und es ist völlig unklar, ob sie die Liga halten kann oder nicht.

Gut aufgestellt, sehe ich die Eintracht, trotz der Tabellenplatzierung, auf der Trainerposition mit Daniel Meyer, von dem ich überzeugt bin und dem ich zutraue, die Mannschaft nachhaltig zu entwickeln, wenn er die Klasse halten sollte! Ich selbst würde mit ihm in die 3. Liga gehen …

Aber klar ist: die Mannschaft muss qualitativ verbessert werden. Das ist der Schlüssel.
Einen Spieler wie den Außenstürmer Omar Marmoush vom VFL Wolfsburg, der jetzt vom FC St. Pauli ausgeliehen wurde, hätte ich mir auch bei der Eintracht sehr gut vorstellen können.

Was ist demnach aus Deiner Sicht nötig, um Eintracht dauerhaft in der Zweiten Liga etablieren? Wo siehst Du Eintracht in sechs Jahren?

Entscheidend ist, die Klasse in diesem Jahr zu halten und wieder Kontinuität auf den Positionen Trainer und Sportdirektor zu erlangen. Ohne Kontinuität auf den Schlüsselpositionen und ohne sportliche Expertise im Verein geht nichts im Profifußball. Mit Dennis Kruppe und Tobias Rau hat der Verein deutlich an dieser sportlichen Expertise gewonnen. Diese gilt es zu nutzen.

Mein Wunsch: In sechs Jahren, sechzig Jahre nach der Deutschen Meisterschaft, spielt die Eintracht wieder in der Bundesliga, was sonst ..

Wie sieht Deine Einschätzung von den aktuell Verantwortlichen und von der Mannschaft aus?

Von Trainer Meyer bin ich wie gesagt überzeugt. Er ist klug, hat einen klaren Plan, ist sensitiv, reagiert und ist reflektiert. Ich mag seinen spielerischen Ansatz, nur das kann der Ansatz sein, eine Mannschaft nachhaltig zu entwickeln – und genau das traue ich ihm zu.

Ich mag die Mannschaft. Sie ist neu zusammengestellt, aber sie ist intakt. Sie hat eine großartige Moral, gibt nie auf. Das sagt eine Menge aus über das Binnenverhältnis und auch das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft. Aber das allein wird nicht reichen für den Klassenerhalt.
Die Defizite vorne und hinten sind offensichtlich: Defensiv gibt es zu viele Fehler und zu wenig Kompaktheit. Vorne fehlen Tempo, Dynamik und Effizienz. Die Mannschaft erspielt sich viel zu wenig Torchancen und trifft hinten falsche Entscheidungen. Das hat viel mit der individuellen Qualität einzelner Spieler zu tun.

Was hältst du von der Vertragsverlängerung von Vollmann?

Der Klub setzt mit der Vertragsverlängerung auf Kontinuität, das ist gut. Aber Kontinuität macht nur dann Sinn, wenn eine Entwicklung, eine positive Entwicklung erkennbar ist. Das wird man in der Rückrunde sehen.

Peter Vollmann ist kein Selbstdarsteller, ist nicht der alleinige Macher im Verein, sondern einer, der sich mit hoher Grundloyalität in den Dienst des Großen und Ganzen stellt – und er ist entscheidungsstark: Die beiden Trainer-Entlassungen von Flüthmann und Antwerpen in seiner Ära fielen ihm sicherlich nicht leicht, waren aber richtig. Und klar weiß Peter Vollmann, dass auch er vom sportlichen Erfolg abhängig ist.

Wichtig aus meiner Sicht wäre zu überlegen, ob der Verein nicht noch einen zusätzlichen Sportvorstand etablieren kann – für die strategische Ausrichtung des Klubs. Jemand, der zwischen dem Aufsichtsrat und der operativen Ebene die Ausrichtung des Vereins vorgibt. Jemand, der auch gern die DNA der Eintracht repräsentiert – eine Ausrichtung, die an Werte gebunden ist, wie die regionale Verbundenheit, die Tradition, dass schon der Vater mit seinem Sohn an die Hamburger Straße ging, die Begeisterung, die seit Kindesbeinen da ist, den Fußball in Braunschweig zu leben, authentisch zu leben – das ist EINTRACHT.

Wie findest Du die Idee, eine Eintracht-DNA zu definieren?

Eigentlich finde ich die Idee ganz sympathisch. Andererseits möchte ich meine Leidenschaft zu meinem Verein nicht an bestimmte oder definierte Kriterien binden. Das mache ich bei meiner Partnerin auch nicht, dass ich anfange, sie mit Hilfe von Kriterien zu definieren. Mein Verein ist bedingungslos mein Verein. Er wird nicht hinterfragt, er wird gelebt.

Welchen Stellenwert, welchen Ruf hat Eintracht Deiner Wahrnehmung nach in Deutschland, zum Beispiel bei Deinen Reporter-Kollegen?

Eintracht ist KULT! Das weiß man in ganz Fußball-Deutschland und erst recht bei SKY.

Bild: Robin Burek

Vielen Dank für das Interview!
Jens

Kommentar verfassen