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Eintracht fehlen Punkte. Aber ist es eine Kader- oder Trainerfrage?

Hallo Löwen,

es waren verschenke Punkte gegen den Hamburger SV, die wir bitter nötig gehabt hätten. In der ersten Halbzeit sah es so aus, also würde die große Überraschung gelingen, aber dann fiel der Anschlusstreffer zum total falschen Zeitpunkt. In der zweiten Halbzeit schlug die Mannschaft sich wieder selbst – mit individuellen Fehlern.

Bild, Robin Burek.

Woher kommen diese vielen individuellen Fehler? Im Spiel gegen den HSV war bemerkenswert, dass z.B. der Neuzugang und bis dato sicher aufgetretene Brian Behrendt sich 1-2 krasse Fehler erlaubte.

Es gibt meiner Meinung nach verschiedene Gründe für diese „Blackouts“. Vieles hat natürlich mit dem Kaderqualität zu tun. Ein Beispiel dafür ist Pressingresistenz der Innenverteidiger. Laut Global Soccer Network sind besonders Dominik Wydra und Jannis Nikolaou anfällig, die ja eigentlich unsere Stammkräfte sein sollten.

  • Behrendt 39,91* (durchschnitt)
  • Wydra 21,20 (schwach)
  • Diakhite 19,16* (schwach)
  • Nikolaou 16,90 (schwach)
  • Ziegele 14,56 (schwach)

Die Pressingresistenz besteht daraus, wie viele Pässe und Läufe ein Spieler machen kann, bevor er in einen Zweikampf oder Fehlentscheidung gezwungen wird (in den eigenen vier Zonen vor dem Tor). Also kann der Spieler einen sauberen Pass spielen oder den Gegner überlaufen, dann ist es eine erfolgreiche Aktion. Spielt der Spieler aber den Ball ins Aus, zum Gegner oder ins Abseits, oder sogar einen Pass an den Mitspieler, der allerdings den Mitspieler sofort unter Druck setzt, so ist es eine misslungene Aktion.

Wyscout, PPDA Against: Pro Abwehraktion ermöglichte Pässe

Das Eintrachts (Innen)Verteidiger nicht besonders Pressingresistent sind, scheinen auch die Gegner erkannt zu haben. Keiner wird so oft mit Angriffspressing unter Druck gesetzt wie die Eintracht (PPDA – Pro Abwehraktion ermöglichte Pässe, Against 8,47) . Ein weiterer Beleg sind die vielen langen Bälle und die schlechte Passquote. Laut Wyscout 60,97 lange Bälle pro 90 Minuten (nur Bochum setzt mehr auf lange Bälle) und davon kommen nur 57 % an. Eine Gesamtpassquote von 74,6 % spricht auch nicht für die Qualität der Mannschaft.

Passquote laut Wyscout

Daniel Meyer will es so

Man darf eines aber nicht vergessen. Egal wie gut oder schlecht der Kader ist, Daniel Meyer will auch das wir so spielen, wie wir spielen. Viele Probleme, mit denen wir zu kämpfen haben, zeigten sich schon, als er 2018/19 Trainer bei Erzgebirge Aue war. Ob es die langen Bälle sind, die Probleme mit den zweiten Bällen, die Probleme mit Standards, das Eindringen in den gegnerischen Strafraum, Probleme im Passspiel etc. Mit all diesen Problemen hatte Daniel Mayer auch schon mit Aue zu tun.

Unsere „Ones to watch“ vor der Saison. Genau diese Probleme hatte DM mit Aue.

Daraus könnte man das Fazit ziehen, dass es durchaus eine Trainerfrage ist. Daniel Meyer ist bestimmt ein super Analytiker und Sachverständiger. Es ist für Außenstehende klar, er weiß wovon er redet. Man bekommt aber auch von seinen Analysen und Anweisungen am Spielfeldrand schnell den Eindruck, er tendiert zum „overcoaching“. Es ist nur eine Vermutung, aber vielleicht überfordert es die Spieler.

Spieler brauchen einfache Muster, Referenzen und eine einfache taktische Kommunikation. Daniel Meyer redet viel über einen Lernprozess. Die Hinrunde ist vorüber und wir kämpfen immer noch mit den gleichen Problemen, wie am Anfang der Saison.

Trainerwechsel?

Daniel Meyer hat nicht mehr viel Zeit. FiveThirtyEight prognostiziert eine 64 % Wahrscheinlichkeit dafür, dass Eintracht absteigt. Anfang Dezember waren es noch nur 51 %. Ein Trainerwechsel ist keine optimale Lösung, doch der Abstieg wäre eine finanzielle Katastrophe. Daniel Meyer muss bald liefern, sonst muss Eintracht die letzte Joker -Karte ziehen.

Bild: Robin Burek

P.S. Die fehlende Fans machen auch ein paar Prozente aus, die uns fehlen

Taktikanalyse: Würzburg knackt Braunschweig nicht

Würzburg gegen Braunschweig, Aufsteiger gegen Aufsteiger und der Letztplatzierte gegen den 16. Alle Zeichen standen auf Kellerduell und als ein solches stellte sich das Spiel auch heraus. Aus taktischer Sicht durchaus schwere Kost, worauf insbesondere die beiden Platzverweise Braunschweigs großen Einfluss hatten. Würzburg wurde speziell nach den Platzverweisen stärker, am Ende stand dennoch eine torlose Punkteteilung.

Aufstellungen

Die Aufstellungen

Zuletzt sicherten sich die Löwen ein 0:0 gegen Fortuna Düsseldorf. Im Vergleich zu diesem Spiel veränderte Daniel Meyer sein Team lediglich auf eine Position. Manuel Schwenk ersetzte Abdullahi neben Proschwitz. Die taktische Grundausrichtung blieb gleich.

Auf der Gegenseite stellte Bernhard Trares seine Mannschaft im Vergleich zum 3:2-Auswärtssieg beim VfL Osnabrück auf eine Position um. Seine Mannschaft agierte erneut mit Ball in einem 4-2-3-1, Meisel ersetzte Togo im defensiven Mittelfeld. Gegen den Ball rückte Sontheimer neben Pieringer und so bildete sich ein 4-4-2.

Sicherheit als zentrales Element des Spielaufbaus

Wichtige Information: Die TV-Bilder ließen nicht immer eine genaue Lokalisierung aller Spieler zu. Die blassen Spieler sind geschätzte Positionierungen. Alle wichtigen Positionierungen sind allerdings immer zu erkennen.

Im Spiel mit Ball formierten sich die Braunschweiger wieder in einem 5-2-1-2, wobei die Außenverteidiger beide entlang der Außenlinie hochschoben. Ähnlich wie schon in der vergangenen Partie gegen Düsseldorf fokussierte man sich hierbei in der ersten Halbzeit auf die langen Bälle.

Sicherheitsbedenken verhindern effektiven Spielaufbau

Immer wieder ließen die Braunschweiger den Ball über mehrere Stationen durch die Dreierkette laufen. Selten wurde mit Tempo angedribbelt. Allgemein wirkte das Spiel in der Dreierkette sehr statisch, da sehr wenig Bewegung bei den drei Verteidigern vorhanden war und die Pässe größtenteils genau auf den Mann gespielt wurden. So hatten die Würzburger immer wieder Zeit sich zu formieren und wurden mit keinem großem Druck konfrontiert. Am Ende stand der lange Ball, wobei dabei gegen Würzburg keine gefährliche Aktion entstand.

1.1 Aufbausituation aus der 14. Minute

Auch in dieser Szene befindet sich Braunschweig in ihrer klassischen Aufbaupositionierung. Wydra (6) ist zentral positioniert, Behrendt (30) und Nikolaou (4) schieben breit raus. Die Außenverteidiger schieben beide entlang der Außenlinie hoch.

In den meisten Szenen hatten die drei Verteidiger wenig Druck im Spielaufbau. Wie das Bild 1.1. zeigt, liegen auch in dieser Szene 10-15m zwischen dem ballführenden Wydra und den beiden Würzburger Stürmern. Würzburg begann erst ab ungefähr 10m vor der Mittellinie Druck auf den ballführenden Spieler auszuüben. Somit hat Wydra in dieser Situationen Platz und Zeit. Mit Behrendt und Nikolaou hat er zwei Anspielstationen, alternativ könnte er andribbeln. In dieser Szene entscheidet sich der Ex-Auer für einen Pass auf Nikolaou, dieser dribbelt langsam an und wird dann angelaufen.

1.2. Aufbausituation aus der 14. Minute

Er entscheidet sich für den Rückpass auf Wydra, welcher allerdings immer noch ähnlich tief positioniert ist. Dadurch geht der Raumgewinn von Nikolaou verloren, Würzburg kann sich wieder stellen und Braunschweig startet wieder von vorne.

Den Ball hinten rum zu spielen ist auf gar keinen Fall eine schlechte Variante. So schafft man für sich selber Sicherheit, was insbesondere in der aktuellen Lage der Blau-Gelben sehr wichtig ist. Werden die Verlagerungen schnell gespielt, so kann man auch Lücken im gegnerischen Team reißen und so spielerische Lösungen finden.

Im Fall der Braunschweiger ist das Passspiel in der Dreierkette allerdings nur der Sicherheit gedacht. Das niedrige Passtempo in den Pässen zwischen den Innenverteidigern und das langsame Andribbeln der Innenverteidiger schafft keine Dynamik. Daraus resultierend entsteht viel zu selten ein effektiver Raumgewinn. So kommt es dann immer wieder zu langen Bällen auf Proschwitz.

Umstellung in der 2. Halbzeit nach 5 Minuten egalisiert

Zur Halbzeit stellte Daniel Meyer auf ein 4-2-3-1 um. Dafür zog er Wydra ins defensive Mittelfeld und Kammerbauer agierte als rechter Verteidiger. Kaufmann spielte auf dem rechten Flügel und Schwenk auf dem linken Flügel.

Inwiefern sich das Braunschweiger Spiel mit Ball mit dieser Umstellung verändert hätte lässt sich nicht bewerten, da Wydra bereits in der 50. Minute mit Gelb-Rot des Feldes verwiesen wurde. Meyer zeigt somit zwar eine Reaktion auf die durchaus verbesserungswürdige erste Halbzeit. Von fortan hieß es verteidigen und den Punkt sichern.

Würzburg lässt eine Spielidee erkennen

Im Gegensatz zu den Löwen versuchten die Würzburger immer wieder spielerische Lösungen gegen die tiefstehenden Braunschweiger zu finden. Spielten sie lange Bälle so waren es meist diagonale Bälle aus der Verteidigung auf den ballfernen Flügelspieler. Allgemein lag der Fokus bei der Trares-Elf auf dem Flügelspiel. So konnten sie sich auch einige gefährliche Situationen erspielen.

Feltscher hinterläuft auf der rechten Seite

Kopacz und Baumann wechselten immer wieder die Seiten, dennoch blieb die Idee mit Feltschers Läufen erhalten. Der ballbesitzende rechte Flügelspieler versuchte immer wieder etwas ins Zentrum zu ziehen um so die Außenbahn für Feltscher zu öffnen.

Feltscher hinterläuft Baumann

So auch in dieser Situation. Baumann (9) erhält den Ball aus dem Zentrum und zieht in Richtung Tor. Dabei wird Schlüter (3) gebunden und stellt den Block für die Flanke. Nun kommt die Wichtigkeit von Feltscher (31) ins Spiel. Der Rechtsverteidiger, welcher nahezu beidfüßig ist, hinterläuft Baumann. Um einem möglichen Pass auf Feltscher und dessen Durchbrechen auf die Grundlinie vorzubeugen, orientiert sich Schlüter in Richtung Grundlinie. Aus diesem Grund kann Baumann den Ball relativ frei in die Mitte flanken.

Situationen wie diese waren immer wieder zu sehen, wobei es dann aus Braunschweiger Sicht glücklicherweise zu keinen Toren kam.

Kämpferisch gegen den Ball

Wie schon gegen Düsseldorf präsentierten sich die Braunschweiger konzentriert gegen den Ball. Auch nach den Platzverweisen blieben die Löwen defensiv weiterhin diszipliniert und sicherten sich einen Punkt. Neben einer konzentrierten Defensivarbeit zeigte sich Jasmin Fejzic auch wieder in sehr guter Form.

Braunschweig nach dem ersten Platzverweis (ab Minute 50)

In der ersten Halbzeit agierte Brauschweig noch mit einem 5-2-1-2 gegen den Ball, wobei Kobylanski mal hinter den Spitzen zu finden war. Teilweise rückte der Pole auch auf die rechte Seite neben die beiden Spitzen. Nach der Halbzeit stellte Meyer wie bereits beschrieben auf ein 4-2-3-1 um.

In der 50. Spielminute sah Wydra die Gelb-Rote-Karte. Kobylanski wurde kurz darauf von Ben Balla ersetzt. Ab da verteidigten die Braunschweiger in einem 4-4-1, wobei sich Kaufmann als rechter Mittelfeldspieler bei einem Aufrücken von Feick immer wieder in die Viererkette fallen ließ. Auch in dieser Phase versuchten die Würzburger weiterhin über die Flügel anzugreifen.

Braunschweig nur noch mit acht Feldspielern (ab Minute 66)

Nur 16 Minuten später waren die Braunschweiger dann nur noch zu neunt. Von dort an agierten die Braunschweiger in einem 4-3-1. Bär und May kamen für Proschwitz und Kaufmann ins Spiel. Die Viererkette blieb bestehen, das zentrale Mittelfeld bestand aus Ben Balla, Kroos und May. Würzburgs Flügelspieler rückten weiter ein und die Außenverteidiger schoben deutlich weiter hoch. Auch die Innenverteidiger positionierten sich deutlich höher.

Fazit

Abschließend lässt sich sagen, dass Braunschweig einen glücklichen Punkt aus Würzburg mitnimmt. Vor allem ist es Jasmin Fejzic zu verdanken, dass dieses Spiel 0:0 endete. Positiv zu bewerten ist auf jeden Fall, dass die Mannschaft trotz zweifacher Unterzahl das Spiel nicht verlor. Dennoch hat die vorangegangene Analyse gezeigt, dass die Braunschweiger weiterhin große Probleme im Spiel mit Ball haben.

Am Samstag reist der Hamburger SV nach Braunschweig. Die Rothosen gewannen am Montag mit 5:0 gegen Osnabrück und überzeugten auf ganzer Linie. Insbesondere Vagnoman zeigte eine sehr starke Leistung.

Allerdings haben auch die formstarken Düsseldorfer keine drei Punkte aus der Löwenstadt mitnehmen können. Auf geht’s Eintracht kämpfen und siegen!

SKY-Kommentator Torsten Kunde im Interview (Teil 2): „Eintracht ist KULT! Das weiß man in ganz Fußball-Deutschland und erst recht bei SKY“

Ein Interview von Jens (Teil 2.)

Wir setzen das Interview mit Torsten Kunde fort. Den ersten Teil des Interviews könnt ihr nochmal hier nachlesen.

Torsten Kunde, geboren 1964 in Helmstedt, lebt mit seiner Familie in Braunschweig. Er war viele Jahre Sport-Reporter beim NDR und ist seit 2005 Fußball-Kommentator bei Sky (vorher Premiere).

Wie schätzt Du die momentane Entwicklung des Profifußballs in Deutschland und Europa ein, beispielsweise was die aktuelle Situation, die Verteilung der Fernsehgelder und die Kommerzialisierung betrifft?

Aktuell ist die Situation natürlich durch Corona sehr besonders.
Viele blicken in die Glaskugel mit der Vorhersage, wie sehr sich der Fußball verändern wird. Ich hingegen glaube nicht, dass das so sein wird – im Gegensatz zu vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Man kann da zweifelsohne unterschiedliche Meinungen vertreten, aber ich denke, ganz grundlegende Dinge werden sich nicht ändern, wenn wir über den Profifußball reden. Die Menschen werden nach Corona wieder in die Stadien strömen – vielleicht sogar noch mehr als vorher mit der Erkenntnis, ich weiß, was mir so sehr gefehlt hat.

Und klar gibt es diese kühle, ökonomische Ebene des Fußballs, die Kommerzialisierung, die die Entwicklung des Fußballs maßgeblich prägt. Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum sich bestimmte traditionelle Fan-Gruppen entfremdet fühlen, an den Rand gedrängt fühlen und sie das Spiel nicht mehr als ihr Spiel sehen.

Aber zur Wahrheit gehört eben auch: Profifußball ist Ergebnissport und Profifußball kann ohne Kommerzialisierung nicht erfolgreich sein. Wenn die Eintracht morgen Salah und Sadio Mané verpflichtet, möchte ich den Fan sehen, der das beklagt. Es ist leicht auf die Kommerzialisierung zu schimpfen, aber in Wirklichkeit wollen viele auch den Erfolg mit Ihrer Mannschaft. Ich kenne nicht viele Vereine, die auf Kommerz verzichten und dafür konsequent den Fußball in der Unterklassigkeit leben – obwohl das auch was hat…

Kommerzialisierung wird vor allem dann zum Problem, wenn der Erfolg ausbleibt und zugleich die Spieler die Bodenhaftung verlieren, jegliche Nähe zum Fan verlieren oder die Spieler das Gefühl vermitteln, sie kassieren nur noch ab. Deshalb: Augen auf bei den Transfers.

Wie würdest Du die Entwicklung bei Eintracht Braunschweig beschreiben? Wo siehst Du den Verein gut aufgestellt, was sind Deiner Meinung nach die größten Baustellen?

Derzeit sehe ich die Eintracht in einer sehr kritischen Phase. Ein Traditionsverein wie die Eintracht ist in gewisser Weise unzerstörbar, garantiert aber leider keine Zugehörigkeit auf Dauer in Liga 1 und Liga 2.

In den 90iger Jahren hat der Verein – wie andere Traditionsvereine auch – den Anschluss verloren, gerade in der Phase, in der die Kommerzialisierung Fahrt aufgenommen hat. In den letzten Jahren hat es der Verein geschafft, mit einer Riesenleistung zurückzukommen. Er war auf gutem Weg, sich unter die TOP 25 zu etablieren. Aber leider hat der Abstieg in die Dritte Liga vieles in Frage gestellt. In diesen zwei Drittliga-Jahren hat der Verein vieles von dem verloren, was man sich aufgebaut hat.

Und jetzt, Januar 2021, steht der Verein vor einer Weggabelung: Zurück auf dem Weg zu den TOP 25 oder ereilt uns das Schicksal vieler Drittliga-Vereine. Es ist eine entscheidende Phase für den Klub.
Der Aufstieg in Liga 2 war ein riesiger Glücksfall. Dafür muss man sich aber nicht schämen, zumal im Abstiegsjahr 2014 aus der Bundesliga mit 39 Punkten viel Pech dabei war. Und auch der verpasste Aufstieg in die Bundesliga nach der verpassten Relegation gegen Wolfsburg mit zuvor 67 Punkten und merkwürdigen Schiedsrichter-Entscheidungen war extrem unglücklich.

Das aktuelle Problem: In der 3. Liga wurde keine Mannschaft geformt, die in der Zweiten bestehen kann. Der Umbruch war notwendig und folgerichtig. Diese neu zusammengestellte Mannschaft muss wachsen und es ist völlig unklar, ob sie die Liga halten kann oder nicht.

Gut aufgestellt, sehe ich die Eintracht, trotz der Tabellenplatzierung, auf der Trainerposition mit Daniel Meyer, von dem ich überzeugt bin und dem ich zutraue, die Mannschaft nachhaltig zu entwickeln, wenn er die Klasse halten sollte! Ich selbst würde mit ihm in die 3. Liga gehen …

Aber klar ist: die Mannschaft muss qualitativ verbessert werden. Das ist der Schlüssel.
Einen Spieler wie den Außenstürmer Omar Marmoush vom VFL Wolfsburg, der jetzt vom FC St. Pauli ausgeliehen wurde, hätte ich mir auch bei der Eintracht sehr gut vorstellen können.

Was ist demnach aus Deiner Sicht nötig, um Eintracht dauerhaft in der Zweiten Liga etablieren? Wo siehst Du Eintracht in sechs Jahren?

Entscheidend ist, die Klasse in diesem Jahr zu halten und wieder Kontinuität auf den Positionen Trainer und Sportdirektor zu erlangen. Ohne Kontinuität auf den Schlüsselpositionen und ohne sportliche Expertise im Verein geht nichts im Profifußball. Mit Dennis Kruppe und Tobias Rau hat der Verein deutlich an dieser sportlichen Expertise gewonnen. Diese gilt es zu nutzen.

Mein Wunsch: In sechs Jahren, sechzig Jahre nach der Deutschen Meisterschaft, spielt die Eintracht wieder in der Bundesliga, was sonst ..

Wie sieht Deine Einschätzung von den aktuell Verantwortlichen und von der Mannschaft aus?

Von Trainer Meyer bin ich wie gesagt überzeugt. Er ist klug, hat einen klaren Plan, ist sensitiv, reagiert und ist reflektiert. Ich mag seinen spielerischen Ansatz, nur das kann der Ansatz sein, eine Mannschaft nachhaltig zu entwickeln – und genau das traue ich ihm zu.

Ich mag die Mannschaft. Sie ist neu zusammengestellt, aber sie ist intakt. Sie hat eine großartige Moral, gibt nie auf. Das sagt eine Menge aus über das Binnenverhältnis und auch das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft. Aber das allein wird nicht reichen für den Klassenerhalt.
Die Defizite vorne und hinten sind offensichtlich: Defensiv gibt es zu viele Fehler und zu wenig Kompaktheit. Vorne fehlen Tempo, Dynamik und Effizienz. Die Mannschaft erspielt sich viel zu wenig Torchancen und trifft hinten falsche Entscheidungen. Das hat viel mit der individuellen Qualität einzelner Spieler zu tun.

Was hältst du von der Vertragsverlängerung von Vollmann?

Der Klub setzt mit der Vertragsverlängerung auf Kontinuität, das ist gut. Aber Kontinuität macht nur dann Sinn, wenn eine Entwicklung, eine positive Entwicklung erkennbar ist. Das wird man in der Rückrunde sehen.

Peter Vollmann ist kein Selbstdarsteller, ist nicht der alleinige Macher im Verein, sondern einer, der sich mit hoher Grundloyalität in den Dienst des Großen und Ganzen stellt – und er ist entscheidungsstark: Die beiden Trainer-Entlassungen von Flüthmann und Antwerpen in seiner Ära fielen ihm sicherlich nicht leicht, waren aber richtig. Und klar weiß Peter Vollmann, dass auch er vom sportlichen Erfolg abhängig ist.

Wichtig aus meiner Sicht wäre zu überlegen, ob der Verein nicht noch einen zusätzlichen Sportvorstand etablieren kann – für die strategische Ausrichtung des Klubs. Jemand, der zwischen dem Aufsichtsrat und der operativen Ebene die Ausrichtung des Vereins vorgibt. Jemand, der auch gern die DNA der Eintracht repräsentiert – eine Ausrichtung, die an Werte gebunden ist, wie die regionale Verbundenheit, die Tradition, dass schon der Vater mit seinem Sohn an die Hamburger Straße ging, die Begeisterung, die seit Kindesbeinen da ist, den Fußball in Braunschweig zu leben, authentisch zu leben – das ist EINTRACHT.

Wie findest Du die Idee, eine Eintracht-DNA zu definieren?

Eigentlich finde ich die Idee ganz sympathisch. Andererseits möchte ich meine Leidenschaft zu meinem Verein nicht an bestimmte oder definierte Kriterien binden. Das mache ich bei meiner Partnerin auch nicht, dass ich anfange, sie mit Hilfe von Kriterien zu definieren. Mein Verein ist bedingungslos mein Verein. Er wird nicht hinterfragt, er wird gelebt.

Welchen Stellenwert, welchen Ruf hat Eintracht Deiner Wahrnehmung nach in Deutschland, zum Beispiel bei Deinen Reporter-Kollegen?

Eintracht ist KULT! Das weiß man in ganz Fußball-Deutschland und erst recht bei SKY.

Bild: Robin Burek

Vielen Dank für das Interview!
Jens