Hallo Löwen!

Wir sind zurück und präsentieren gleich unsere Prognose für die kommende Saison. Doch zu erst muss ich noch ein paar Worte zur Außerordentlichen Mitgliederversammlung sagen und die letzte Saison kurz ansprechen.

Aufbruch sieht anders aus. Das nach dem am Ende verdienten Abstieg aus der 2. Liga ausgerechnet Geschäftsführer Sport Peter Vollmann noch im Amt ist und für die 3. Liga planen darf, während die restlichen Verantwortlichen gehen mussten, ist und bleibt für mich eine Fehlentscheidung.

Die Eintracht hatte die Chance einen anderen Sportdirektor einzustellen, der modern und zukunftsorientiert, nicht nur die Mannschaft, sondern auch die restlichen Strukturen aufgebaut hätte. Es gab sogar Gespräche mit kompetenten Leuten, die einen klaren Plan hatten. Stattdessen wählte man jetzt einen anderen Weg, der vielleicht nicht weniger mutloser ist, aber sich dafür in einer Wohlfühlzone befindet.

Identifikation und Stallgeruch stehen jetzt im Vordergrund. Man will selbst etwas aufbauen und nichts überhasten. Ich, mit der Blau-Gelben Datenwelt, begrüße es sehr, wenn Dennis Kruppke von der Eintracht-DNA redet. Diese Entwicklung beobachte ich auch mit Spannung und Leidenschaft. Doch ich befürchte auch ein gewisses „Weiter so“.

Bild: Robin Burek

Dieses zeigen auch die Trainerverpflichtung und die neuen Spieler. Man weiß was man bekommt und man muss nicht besonders innovativ sein. Eintracht baut die Mannschaft um den Trainer herum auf und hofft, dass man ihn langfristig binden kann. Man sieht den Trainer als die Nummer Eins und bleibt damit in seiner Komfortzone, in einer Trainerzentrierten Welt. Wird Michael Schiele irgendwann man mal nicht Trainer von Eintracht Braunschweig sein, haben wir vielleicht wieder das Problem, dass die Mannschaft zu sehr auf den Trainer ausgerichtet ist.

Auch Stallgeruch und Identifikation bedeutet nicht automatisch Kompetenz und Visionen. Wirklich innovativ, modern oder zukunftsorientiert möchte man in Braunschweig nur ungern sein. Es reicht, dass man irgendwann mal wieder vor Hannover in der Tabelle steht. In der Außerordentlichen Mitgliederversammlung wurde vor allem über Kommunikation, Mentalität, Zusammenhalt und Transparenz gesprochen. Es geht bei der Eintracht eher um das Soziale in der Region. Die sportliche Zukunft wurde eher nur am Rande erwähnt. Ich denke, die Verantwortlichen bleiben uns immer noch die Antwort schuldig, wie sie vorhaben, mit der Eintracht in diesem modernen Geschäft mitzuhalten.

Die beste Antwort gibt man immer noch auf dem Platz. Deswegen gehe ich auch jetzt zu dem sportlichen über, mit mein Motto „Mehr Daten statt Worte“ und präsentiere euch die Saisonvorschau für die kommende Saison und die Analyse dazu, wo die Stärken und Schwächen bei dem System Schiele liegen.

Viel Spaß dabei!

Michael Schiele als Mensch

Wie der Trainer als Mensch ist, interessiert mich seit Christian Flüthmann weg ist, eigentlich sehr wenig. Denn es ist aus der jüngeren Vergangenheit betrachtet ziemlich egal, was für ein Typ der Neue ist. Hat er keinen Erfolg, ist er schneller weg, als man denkt. Und als Dankeschön, so war es bei Marco Antwerpen der Fall, kann man hinterher aus der Zeitung lesen, wie der alte Arbeitgeber meint, man hätte nie wirklich zu diesem Verein gepasst.

Doch bei Michael Schiele muss der Faktor Mensch mit einbezogen werden, denn er soll, so berichten es mehrere Quellen, mit seinen Spielern immer sehr gut umgehen können und besonders seine Jungs, und sein Umfeld motivieren können. Auf der Mitgliederversammlung lobte Dennis Kruppke ihn sehr und betonte er sei eine gute Mischung aus den Trainern, die wir zuletzt bei der Eintracht hatten.

Hinzu kommt, dass Peter Vollmann kaputte Spieler oft zur Eintracht holt um sie dann hoffentlich bei uns wieder aufzubauen. Das sollte Schiele gut können. Spieler wie Suleiman Abdullahi oder Martin Kobylanski hätten zum Beispiel in der letzte Saison genau dieses Vertrauen vom Trainer gebrauchen können. Ich denke, da haben wir mit Schiele eine sehr gute Wahl getroffen, der die Spieler und das Umfeld mit seiner Persönlichkeit prägen kann.

Michael Schiele als Trainer

Nun, auch der Fußballehrer Schiele hat seine Qualitäten und zählt laut Global Soccer Network zu den 4 besten Trainer in der 3. Liga, der direkt sogar Bundesligaqualität mit sich bringt. Mit einem GSN-Index von 68,98 beweist er seine Qualität in einem Ranking, wo ein Indexwert zwischen 43 – 48 durchschnittliche 3. Ligaqualität bedeutet. Um dieses Ranking ein wenig zu erklären: Relevant sind beispielsweise, wie viele Punkte du in welcher Liga mit welcher Mannschaft holst, wie taktisch variabel du als Trainer bist, schlagen deine Einwechselungen ein, wie performen die einzelnen Mannschaftsteile usw. All diese Punkte fließen in dieses Ranking mit ein.

Quelle: Global Soccer Network 19.7.2021

Der 43-Jährige kann auch nach der Einschätzung von GSN etwas, was für die Eintracht besonders wichtig ist: Spieler weiterentwickeln und aus den Gegebenheiten vor Ort immer relativ viel machen, wie zum Beispiel bei den Würzburger Kickers. Denn laut dem GSN-Index ist er auch sehr Transparent mit jungen Spielern aus dem eigenen Club und braucht keine 12 neue Spieler um Erfolg zu haben.

Am Ende hat Eintracht Braunschweig mit Michael Schiele als Trainer für sich einen guten Trainer gewonnen. Das einzige große Risiko, was ich sehe: Die Eintracht richtet sich zu sehr auf den Trainer aus. Sollte der sportliche Erfolg ausbleiben, oder der Trainer eine andere Aufgabe bekommen, steht man schnell mit leeren Händen da. Deswegen ist es enorm wichtig, eine Vereinsphilosophie aufzubauen, die unabhängig von dem Trainer bestand hält.

Die Handschrift von Schiele

Doch wie wird die Eintracht unter Michael Schiele spielen? In der Vorbereitung hat der 43-Jährige gerne seine Mannschaft in einer Viererkette agieren lassen, meistens mit mit einer Raute im Mittelfeld. Das ist vor allem dessen geschuldet, dass wir noch keinen breiten Kader haben. Besonders auf den Außenstürmer- Positionen sind wir eher dünn besetzt.

Die Formationen im Testspiel gegen Dynamo Dresden (Quelle: Wyscout)

Die Mannschaften unter Schiele spielten oft hinten Kompakt und absorbierend, vorne dagegen organisiert und pressend. Schon bei seiner letzten Trainerposition bei SV Sandhausen, hat die Mannschaft in seiner Zeit als Trainer (14 Spiele in der Saison 2020/21) weniger Schüsse zugelassen, als unter seinem Vorgänger Koschinat. Außerdem spielte der SVS etwas aktiver nach vorne, spielte mehr Pässe, hat mehr angegriffen und kam auch selbst gut zu Abschlüssen. In der Defensive agierten die Sandhäuser unter Schiele so, dass die Zweikampffrequenz und der Pressingdruck zusammen mit der Zahl der Fouls gesunken sind.

Dieses konnte man auch deutlich bei seiner goldenen Zeit bei den Würzburger Kickers beobachten. In dieser Analyse habe ich die Saison 2018/19 und 2019/20 der Kickers unter die Lupe genommen. Auch auf die Saison 2017/18, als Schiele das Ruder der Kickers im Oktober übernommen hat, habe ich mir angeschaut. Vorne weg muss man sagen, dass Schiele die Mannschaft nach vorne gebracht hat. In allen drei Saisons konnte Schiele die Mannschaft bis zu 56-63 erwartete Punkte pro Saison führen (ausgerechnet in der Aufstiegssaison hatten die Kickers die niedrigste Zahl).

Bei den erwarteten Toren lagen die Kickers immer unter den Top 4. Dagegen lief es mit den Gegentoren etwas schlechter. Hier entwickelte die Mannschaft sich rückwärts in den drei Jahren unter Schiele. In der Saison 2017/18 beendeten die Kickers mit weniger als 44 erwartete Gegentore. In der Saison 2018/19 waren es schon 49 erwartete Gegentore und in der Aufstiegssaison waren es schon satte 57 erwartete Gegentore. Der Aufstieg 2020 war daher bei den Kickers auch eher unverdient.

Genau hier liegt auch die Achillesferse von Schiele: die defensive Stabilität. In den Testspielen blieb die Eintracht nie ohne Gegentor, auch gegen vermeintlich schwächere Gegner. Gerade in der Defensive ist die Mannschaft unter Schiele im besten Fall kompakt und stabil, im schlechteren Fall passiv und nachlässig. Ein Problem was sich mit Sandhausen zeigte, war die fehlende Restverteidigung in Kontersituationen.

Das war im letzten Jahr in Würzburg auch ein Problem. Somit hatte der Gegner 2017/18 knappe 3 Konter pro Spiel von denen ¼ mit einem Schuss endeten, aber in der Saison 2019/20 waren es schon fast 4 Konter pro Spiel von denen 35 % in einem gegnerischen Schuss endeten. So sind im Aufstiegsjahr unter Schiele auch die Zweikämpfe, Herausforderungsintensität und Pressing zurückgegangen. Der Gegner hatte auch mehr Schüsse durch Standardsituation. Die defensive Stabilität ist jedenfalls ein Punkt worauf man achten sollte.

Gegenpressing und viele Schüsse

Im Aufbauspiel setzt Michael Schiele oft auf ein organisiertes Aufbauspiel mit wenig Spieltempo. Der Gegner kann sich, sollte sich keine Kontermöglichkeit für Schieles Mannschaft ergeben, erstmal sortieren. Und hier wird es dann spannend, denn im Aufbauspiel machen die Mannschaften von Schiele nicht mehr als nötig. Man ist im Passspiel variabel und geht etwas mehr Risiko ein, als die Ligakonkurrenten. Mal ist es ein intelligenter Pass, mal ein langer Pass und das Spiel sieht teilweise sogar langsam aus. Man macht nichts besonders gut, aber auch nicht schlecht.

Doch das große Ziel ist es, dass man in die nähe des gegnerischen Strafraum kommt. Hier sieht man dann die wirkliche Kunst vom Schiele- Fußball: eine gute Strafraumbesetzung, Flanken, 1 vs. 1 -Situationen, viele Abschlüsse und Gegenpressing bei zweiten Bällen, um den Druck in der gegnerischen Abwehr zu halten. Mit 540 Schüssen waren die Kickers die Schussfreudigste Mannschaft der Liga 2019/20. Ich denke, hier werden wir unsere größte Freude haben.

Dadurch, dass die Mannschaften von Schiele den Gegner unter Druck setzen, bekommen sie oft Standardsituation für sich zugesprochen. Hier ist aber das einzige Problem im Model Schiele: zu wenig Tore entstehen durch Standards. Ein Problem, welches wir oft in den letzten Jahren bei der Eintracht hatten.

So kann man zum Schluss über Schiele sagen, dass er die Qualität als Mensch und Trainer mit sich bringt, die uns Hoffnungen machen sollten. Er sollte seine Mannschaft jedoch nicht zu passiv in der Abwehr einstellen und die Standardsituation fleißig trainieren lassen.

Kader

Wir werden bestimmt den Kader noch ausführlicher im laufe der Saison analysieren, doch bisher scheint er mir sehr ordentlich auszusehen. Die Breite im Kader fehlt noch, was ein Risiko bedeutet. Andererseits bekommen vielleicht Nachwuchsspieler wie Felix Stumpe dadurch ihre Chance zu regelmäßigen Einsätzen. Und anders als sein Vorgänger, wechselt Schiele gerne seine Spieler während eines Spieles, was bedeuten sollte, dass wir auch junge Spieler auf dem Platz sehen werden.

Laut dem GSN-Index hat Eintracht aktuell (stand 19.7.2021) einen ordentlichen Kader, der mit 52,58 einen Zweitligakader gleichkommt (43 – 48 = durchschnittliche 3.Ligaqualität). Die Neuzugänge, Robin Krausse (55,75), Luis Görlich (51,26), Luc Ihorst (60,19), Maurice Multhaup (54,61), Bryan Henning (57,04) bringen alle direkt 2. Ligaqualität mit sich. Felix Stumpe hat mit 42,97 auch Drittligaformat.

GSN-Index 19.7.2021

Dagegen haben wir auf der Torhüter-Position, sollte Jasmin Fejzic ausfallen, mit Yannik Bangsow und Lennart Schulze- Kökelsum keinen Keeper, der Drittligaqualitäten mit sich bringt. Zusammen mit dem kleinen Kader und noch fehlenden Verstärkungen, findet man hier vielleicht das größten Fragezeichen. Dennoch ist der Kader Qualitativ gut genug um oben mitzuhalten. Auch ein paar schwächere Verstärkungen würden dieses nicht groß ändern.

Ones to watch 2021/22

Worauf sollte man bei der Eintracht mit Schiele in der neuen Saison besonders achten? Meine Liste sieht wie folgt aus.

Mögliche Stärken

  • Angriffsfußball. Hier muss die Effektivität und die Effizienz stimmen
  • Taktisch variabel, in-game coaching
  • Junge Spieler und Trainer weiterbilden
  • Aus wenig das bestmögliche rausholen
  • Defensiv stabil

Mögliche Schwächen

  • Defensive Passivität – zu viele Gegentore
  • Restverteidigung bei Kontersituationen
  • Ineffizienz bei Standardsituationen
  • Ein zu langsamer Aufbau
  • Dünner Kader (stand 21.7.2021)

Prognose: Sollte Eintracht hinten nicht zu passiv spielen und vorne auch die Standardsituationen für sich nutzen, kann Eintracht um den Aufstieg mitspielen. Der dünne Kader ist aktuell noch das größte Risiko für die neue Saison. Sollten aber wichtige Spieler fit bleiben, steht einer einstelligen Endplatzierung nichts im Wege.

Quellen: Wyscout, Global Soccer Network, Nordbayern.de, Liga-Drei.de, Transfermarkt.de.

3 Kommentare

  1. Super! Vielen Dank für deine fundierte Einschätzung. Tut wirklich mal gut, wenn sich jemand mit Fakten beschäftigt und es nicht zum typischen Stammtischparolen kommt 😉

Kommentar verfassen