Moin Löwen!

Neulich haben wir das organisierte Aufbauspiel der Löwen unter die Lupe genommen. Wir erinnern uns: Grundsätzlich muss man in der Aufbauphase drei verschiedene Abschnitte unterscheiden: Spielaufbau, Spielfortsetzung und Angriffsabschluss/Spiel im letzten Drittel, je nachdem wie hoch eine Abwehrlinie steht.

Nun ist es Zeit, das Fortsetzungsspiel der Herrenmannschaft unserer Braunschweiger Eintracht etwas genauer zu analysieren.

Raubtier-Tempo!

Bild: Robin Burek

Eintracht hat unter Michael Schiele einen besonderen, direkten Fußball-Stil. Die Mannschaft spielt sehr bewusst gradlinig Richtung gegnerisches Tor. Bei Schiele stehen Intensität und Mentalität im Vordergrund, die Kreativität tritt dagegen in den Hintergrund. Deswegen kann man in der BTSV-Vorwärtsbewegung grob zwischen zwei unterschiedlichen Situationen unterscheiden: Das Spiel mit Tempo und Raum und das Spiel ohne Tempo und ohne Raum.

Wir werden später anhand der Statistiken sehen, wie wichtig Tempo für die Löwen ist. Im Forsetzungsspiel merkt man schnell, dass sich ohne Tempo in der Regel auch wenig Raum erschaffen lässt. Hier fehlt es beispielsweise an der besonderen Kreativität. Daraus resultiert, dass Tempo im Spiel der Löwen eine Art Grundvoraussetzung ist. Situationen, in denen man nicht umschalten kann, sondern einen organisierten Angriff zu Ende führen muss, sind bei der Eintracht meist eine Herausforderung und führen eher selten zu Chancen. Ist kein Tempo im Spiel, stockt es. Deswegen versucht man bewusst diese Ohne-Tempo-Konstellationen zu vermeiden und in Mit-Tempo-Situationen umzuwandeln.

Laut Global Soccer Network ist Eintracht hier übrigens Ligaspitze: 74 Ballbesitzphasen mit Torabschluss in der gegnerische Hälfte bei einem Ligadurschnitt von 70,65 Torabschlüssen. Wenn Eintracht den Ball hat, sucht das Team sehr schnell den Abschluss. Im Schnitt sind es ca. 8 Sekunden. Rang eins in der 3. Liga!

Quelle: GSN

Anders ausgedrückt: Offensivaktionen, die mit einem Schuss enden, werden bei der Eintracht fast immer mit Tempo gespielt. 48 % der Aktionen dauern unter 5 Sekunden. 27 % zwischen 5 und 10 Sekunden. Somit steht fest, dass Dreiviertel der Eintracht-Torabschlüsse in höchstens 10 Sekunden erfolgen. Dafür sind Umschaltsituationen sehr wichtig. Bei Eintracht bleibt kaum Zeit für extra Kreativität: Das Spiel soll direkt und schnell sein.

Dies spiegelt auch die Wyscout-Statistik wider. Eintracht hat mit einem Matchtempo („Number of team passes per minute of pure ball possession“) von 16,01 das viertschnellste Tempo in der Liga bei einem Ligadurchschnitt von 15,6. Der Ball muss schnell nach vorne. Überhaupt gehen die Löwen vom Aufbauspiel oft sehr schnell ins Fortsetzungsspiel über. Das Mittelfeld wird schnell überbrückt, da man dem Gegner nicht die Chance lassen möchte, sich in der Abwehr zu organisieren.

Lösungen, um ins Tempo zu kommen

Da Tempo bei der Eintracht im Vordergrund steht, versucht das Team den Gegner in Situationen zu locken, in dem es das Tempo ausnutzen kann. Doch wie bekommt man das nötige Tempo ins Spiel? Nun: Tempo kann zum Beispiel dadurch erzeugt werden, indem man den Gegner unter Druck setzt und so zu Fehlern zwingt. Der daraus resultierende Ballgewinn kann durch schnelle, tiefe Pässe und Läufe genutzt werden, weil die gegnerische Abwehr noch unorganisiert ist. Die Arbeit gegen den Ball mit Druck und intensivem Anlaufen ist eine beliebte Methode und besonders sichtbar bei Spielern wie Bryan Henning.

Wyscout: Balleroberungen im Angriffsdrittel in den letzten 5. Spielen

Aber es gibt auch noch weitere Methoden. Schnelle „Pass und Klatsch“-Kombinationen sind bei der Eintracht nicht unüblich, selbst wenn der Gegner tief steht. Robin Krauße macht das aus meiner Sicht meisterhaft. Er spielt im Schnitt 38,43 kurze und mittlere Pässe, die eine Erfolgsquote von fast 90 % aufweisen. Positionswechsel der Offensivspieler sollen zudem für Dynamik sorgen. Die Außenstürmer wechseln regelmäßig ihre Positionen, während sich zeitgleich 5-6 Teammitglieder im Offensivspiel einschalten. Der gegnerischen Abwehr bereitet das viel Arbeit. Gleichzeitig erhalten die Löwen Anspielstationen und Kombinationsmöglichkeiten in der Offensive im 4-2-3-1-System.

Wyscout: Die realen Positionen der Spieler im Spiel gegen Saarbrücken.

Dennoch bietet Eintracht auch gemischte, ausgeglichene Lösungen an. Der BTSV ist das fünft-meistgefoulte Team in der Liga. Freistöße bieten außerdem immer eine gute Möglichkeit, um für Torgefahr zu sorgen, das Spiel neuzugestalten oder Tempo anzuziehen. Dazu kommt, dass Eintracht eine sehr gute Einwurfmannschaft ist. Die Erfolgsquote mit 91,2 % ist die zweithöchste in der Liga (87,33 %). Eintracht hat pro Spiel 21,72 erfolgreiche Einwürfe (Liga: 20,52). Sie bieten eine gute Gelegenheit, um den Gegner zu überraschen oder zu überwinden. Wir erinnern uns zum Beispiel gerne an das Tor gegen den HSV im Pokal nach einen Einwurf.

Auch direkte Duelle schaffen Räume und bieten Möglichkeiten zum Umschalten. Ein beliebtes Muster ist, einen langen Pass auf den Zielspieler oder Außenstürmer zu spielen, der dann Teile der gegnerischen Hintermannschaft auf sich zieht und freie Räume erzeugt. Luc Ihorst (1.) und Lion Lauberbach (5.) bestreiten die meisten Duelle in der 3. Liga und erschaffen somit sehr viel Raum für das Fortsetzungsspiel der Löwen.

Grundsätzlich ist das Eintracht-Fortsetzungspiel von Risiko geprägt. Der Ball muss schnell nach vorne gespielt werden. Demnach passt die Mannschaft oftmals einen tiefen Ball in Richtung des gegnerischen Tors. Unsere Eintracht kommt dabei ligaweit auf die fünftmeisten langen Bälle. Doch bei der Erfolgsquote liegen wir nur auf Platz 15. Bei den progressiven Pässen landet man ebenfalls nur auf dem 12. Platz. Brian Behrendt spielt bei uns die meisten progressiven Pässe und langen Bälle. Auch Niko Kijewski sucht oft den Pass nach vorne, während sein Mitstreiter Lasse Schlüter auf der Linksverteidigerposition eher den Lauf in die Tiefe bevorzugt.

Ein Ballverlust ist meist kein Problem, denn im direkten Gegenpressing oder im Kampf um den zweiten Ball wird die Kugel zurückerobert. Die nachrückenden Spieler aus dem Mittelfeld können für Dynamik sorgen, wenn sie mit mit Geschwindigkeit aus der Tiefe nachrücken, um den zweiten Ball mit Tempo zu gewinnen.

Auch das 1-zu-1-Dribbling ist bei der Eintracht eine gern gewählte Methode, um Tempo zu machen und freie Räume zu schaffen. Eine außergewöhnlich andribbelfreudige Mannschaft ist die Eintracht in der Liga allerdings nicht. Ihorst ist dabei der aktivste Dribbler im Team. Die Wyscout-Statistiken der letzten fünf Spiele zeigen immerhin, dass man bei den Steilpässen in den gegnerischen Strafraum besser als der Ligadurchschnitt ist.

Wyscout: Dribbling und Steilpässe die letzten 5. Spiele

Progressive Läufe, also längere Läufe mit dem Ball in Richtung des gegnerischen Tores, sind bei der Eintracht im Ligavergleich eher eine Seltenheit: Im Schnitt sind es mit insgesamt zehn Läufen ca. zwei weniger pro Spiel. Dennoch ist auch diese Art von Raumgewinn für das Braunschweiger Spiel wichtig. Insbesondere Schlüter wählt diesen Weg relativ häufig. Und auch Ihorst wird hier immer wieder aktiv.

Ohne Tempo

In Situationen, in denen der Gegner tief in seiner eigenen Hälfte steht, kann Eintracht das Tempospiel nicht immer sinnvoll einsetzen. Im Fortsetzungsspiel ist das größte Hinderniss genau diese Phase im Spiel, in der sich das Tempospiel nicht entfalten kann.

Hier liegt die Achillesferse der Eintracht. Sehr oft wird bei diesen Positionsangriffen der Ballbesitz verschwendet. Eintracht hat laut Wyscout im Schnitt 27,64 Positionsangriffe pro Spiel bei einem Ligadurschnitt von 28,98. Davon führen nur 5,55 Positionsangriffe zu Schüssen (Ligadurschschnitt 6,62). Somit enden fast 4/5 der Positionsangriffe ohne einen einzigen Schuss – das sind 22,09 Angriffe (Liga: 22,36). Hier liegt Eintracht nur auf dem 15. Platz in der Liga.

In dieser Saison verzeichnete unsere Eintracht in nur 2 von 74 Ballbesitzphasen in der gegnerischen Hälfte, die über 30 Sekunden dauerten, einen Schuss. Das entspricht 2,7 % der Ballbesitzphasen mit einem Schuss bei einen Ligadurchschnitt von 7,43 %. Kein Wunder also, dass die Löwen so aktiv versuchen, ins Tempo zu kommen. Es gibt Teams, wie den 1. FC Magdeburg, die bei ganzen 16 % dieser Ballbesitzphasen Schüsse abgeben. Das spiegeln auch die Statistiken zur Kreativität wider. Hier fehlt es den Braunschweigern deutlich an Kreativaktionen!

Fazit

Eintrachts Fortsetzungspiel kann man mit einem einzigen Wort definieren: Tempo! Das schnelle Spiel ist die größte Stärke der Löwen, das langsame Spiel hingegen die größte Schwäche. Am Ende stellt sich das direkte Spiel als schön und intensiv, doch auch anstrengend und manchmal zu einfach dar. Mehr Variabilität würde uns hier sicher gut zu Gesicht stehen.

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