„Diese Werte sind gerade so beängstigend“

Moin Löwen,

Jussi hat mir die Möglichkeit gegeben, mich hier kurz vorzustellen und ein wenig zu unserem neuen Video zu sagen. Dieses Angebot nehme ich natürlich gerne wahr.

Über mich

Ich heiße Lennard und bin 16 Jahre alt. In meiner Freizeit beschäftige ich mich vor allem mit der Foto- und Videobearbeitung. Über besonders Vorwissen verfüge ich dabei nicht. Ich lerne schlichtweg mit jedem Projekt neue Dinge dazu und versuche diese dann auch in nachfolgende Arbeiten einzubringen. Wann ich zur Eintracht gefunden habe, weiß ich selber gar nicht genau. Es muss aber rund um den Bundesligaaufstieg 2013 gewesen sein, als ich regelmäßig mit einem Freund die Spiele verfolgte.

Bild: Robin Burek

Über infos_btsv

Das Projekt „infos_btsv“ war ursprünglich als reine News-Seite auf Instagram geplant, woher auch der, angesichts des aktuellen Contents, eher willkürlich wirkende Name stammt. Nach einer zweijährigen Pause und einigen unregelmäßigen Posts, folgten dort von Ende 2019 bis Mitte 2020 erst ein- dann zweimal wöchentlich Sticker-Designs, Rätsel und Wallpapers. In dieser Zeit lud ich auch meinen ersten Beitrag auf YouTube hoch. Das Best of der Hinrunde 2019/20 blieb jedoch vorerst bei 100 Aufrufen. Elektrisiert vom Aufstieg 2020 legte ich eine vierminütige Zusammenstellung der Ereignisse nach Beginn der Corona-Pandemie hinterher, welche mit ca. 11500 Aufrufen bis heute mit Abstand der erfolgreichste Beitrag auf meinem Kanal ist. Um dem guten Feedback gerecht zu werden, erstellte ich innerhalb weniger Wochen neun Highlightvideos von Neuzugängen und Aufstiegsspielern. Da die Rechteinhaber des Bildmaterials aus Liga eins und zwei konsequenter gegen Verstöße vorgehen, als es in der dritten Liga der Fall ist, musste ich für weitere Videos nach einer Alternative suchen.

Auf eine Community-Umfrage hin wurde der Vorschlag geäußert, künftig Statistikvideos zu posten. Da mir die Idee gefiel und mir Jussi und seine Seite blaugelbedatenwelt.com bereits durch Twitter und den Podcast „Eintracht Lebenslang“ ein Begriff waren, schilderte ich ihm die Situation und fragte, ob er die benötigten Daten bereitstellen würde. Seine Antwort ist in Form von nunmehr sechs Statistikvideos auf YouTube zu sehen. Auch hier wird das eingangs erwähnte stetige Lernen und Verbessern deutlich: Die Dauer der Videos in Kooperation mit Jussi änderte sich vom ersten bis zum aktuellen (von 1:38 auf 4:24) um 2:46min (+169%). Der zusätzliche Inhalt besteht unter anderem aus selbst erstellten Animationen. Abgesehen von den Statistikvideos poste ich auf YouTube auch Data Visualization und Beiträge zu besonderen Anlässen.

Das neuste Statistikvideo

Im aktuellen Statistikvideo haben wir Eintracht mit den direkten Kontrahenten Würzburg, Sandhausen, Osnabrück, Darmstadt, Regensburg und St. Pauli verglichen. Dabei wurden die Daten der Konkurrenz in einem Durchschnitt zusammengefasst. Auffällig ist, dass der BTSV in diesem Vergleich in fast allen Belangen unterlegen ist. Meist nur gering (ca. fünf gewonnene Zweikämpfe weniger), gerade im offensiven Bereich aber weitaus deutlicher. So geben die Löwen pro Spiel nur 2,9 Torschüsse (1,3 weniger als die Konkurrenz) ab, aus denen ein xG-Wert von 0,9 (0,5 weniger als die Konkurrenz) resultiert. Diese Werte sind gerade so beängstigend, weil sie selbst im Vergleich mit dem unteren Drittel der Liga die fehlende Wettbewerbsfähigkeit aufzeigen.

Was Hoffnung macht, ist jedoch die vergleichsweise solide Defensive. Die Eindrücke der letzten Spiele trügen nicht, denn die Eintracht kann insgesamt einen um 0,19 geringeren xGA-Wert aufweisen. Auf diese Konstante der letzten Spiele und abermals den Kampfgeist wird es in den finalen Partien der Saison ankommen. 

SKY-Kommentator Torsten Kunde im Interview (Teil 2): „Eintracht ist KULT! Das weiß man in ganz Fußball-Deutschland und erst recht bei SKY“

Ein Interview von Jens (Teil 2.)

Wir setzen das Interview mit Torsten Kunde fort. Den ersten Teil des Interviews könnt ihr nochmal hier nachlesen.

Torsten Kunde, geboren 1964 in Helmstedt, lebt mit seiner Familie in Braunschweig. Er war viele Jahre Sport-Reporter beim NDR und ist seit 2005 Fußball-Kommentator bei Sky (vorher Premiere).

Wie schätzt Du die momentane Entwicklung des Profifußballs in Deutschland und Europa ein, beispielsweise was die aktuelle Situation, die Verteilung der Fernsehgelder und die Kommerzialisierung betrifft?

Aktuell ist die Situation natürlich durch Corona sehr besonders.
Viele blicken in die Glaskugel mit der Vorhersage, wie sehr sich der Fußball verändern wird. Ich hingegen glaube nicht, dass das so sein wird – im Gegensatz zu vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Man kann da zweifelsohne unterschiedliche Meinungen vertreten, aber ich denke, ganz grundlegende Dinge werden sich nicht ändern, wenn wir über den Profifußball reden. Die Menschen werden nach Corona wieder in die Stadien strömen – vielleicht sogar noch mehr als vorher mit der Erkenntnis, ich weiß, was mir so sehr gefehlt hat.

Und klar gibt es diese kühle, ökonomische Ebene des Fußballs, die Kommerzialisierung, die die Entwicklung des Fußballs maßgeblich prägt. Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum sich bestimmte traditionelle Fan-Gruppen entfremdet fühlen, an den Rand gedrängt fühlen und sie das Spiel nicht mehr als ihr Spiel sehen.

Aber zur Wahrheit gehört eben auch: Profifußball ist Ergebnissport und Profifußball kann ohne Kommerzialisierung nicht erfolgreich sein. Wenn die Eintracht morgen Salah und Sadio Mané verpflichtet, möchte ich den Fan sehen, der das beklagt. Es ist leicht auf die Kommerzialisierung zu schimpfen, aber in Wirklichkeit wollen viele auch den Erfolg mit Ihrer Mannschaft. Ich kenne nicht viele Vereine, die auf Kommerz verzichten und dafür konsequent den Fußball in der Unterklassigkeit leben – obwohl das auch was hat…

Kommerzialisierung wird vor allem dann zum Problem, wenn der Erfolg ausbleibt und zugleich die Spieler die Bodenhaftung verlieren, jegliche Nähe zum Fan verlieren oder die Spieler das Gefühl vermitteln, sie kassieren nur noch ab. Deshalb: Augen auf bei den Transfers.

Wie würdest Du die Entwicklung bei Eintracht Braunschweig beschreiben? Wo siehst Du den Verein gut aufgestellt, was sind Deiner Meinung nach die größten Baustellen?

Derzeit sehe ich die Eintracht in einer sehr kritischen Phase. Ein Traditionsverein wie die Eintracht ist in gewisser Weise unzerstörbar, garantiert aber leider keine Zugehörigkeit auf Dauer in Liga 1 und Liga 2.

In den 90iger Jahren hat der Verein – wie andere Traditionsvereine auch – den Anschluss verloren, gerade in der Phase, in der die Kommerzialisierung Fahrt aufgenommen hat. In den letzten Jahren hat es der Verein geschafft, mit einer Riesenleistung zurückzukommen. Er war auf gutem Weg, sich unter die TOP 25 zu etablieren. Aber leider hat der Abstieg in die Dritte Liga vieles in Frage gestellt. In diesen zwei Drittliga-Jahren hat der Verein vieles von dem verloren, was man sich aufgebaut hat.

Und jetzt, Januar 2021, steht der Verein vor einer Weggabelung: Zurück auf dem Weg zu den TOP 25 oder ereilt uns das Schicksal vieler Drittliga-Vereine. Es ist eine entscheidende Phase für den Klub.
Der Aufstieg in Liga 2 war ein riesiger Glücksfall. Dafür muss man sich aber nicht schämen, zumal im Abstiegsjahr 2014 aus der Bundesliga mit 39 Punkten viel Pech dabei war. Und auch der verpasste Aufstieg in die Bundesliga nach der verpassten Relegation gegen Wolfsburg mit zuvor 67 Punkten und merkwürdigen Schiedsrichter-Entscheidungen war extrem unglücklich.

Das aktuelle Problem: In der 3. Liga wurde keine Mannschaft geformt, die in der Zweiten bestehen kann. Der Umbruch war notwendig und folgerichtig. Diese neu zusammengestellte Mannschaft muss wachsen und es ist völlig unklar, ob sie die Liga halten kann oder nicht.

Gut aufgestellt, sehe ich die Eintracht, trotz der Tabellenplatzierung, auf der Trainerposition mit Daniel Meyer, von dem ich überzeugt bin und dem ich zutraue, die Mannschaft nachhaltig zu entwickeln, wenn er die Klasse halten sollte! Ich selbst würde mit ihm in die 3. Liga gehen …

Aber klar ist: die Mannschaft muss qualitativ verbessert werden. Das ist der Schlüssel.
Einen Spieler wie den Außenstürmer Omar Marmoush vom VFL Wolfsburg, der jetzt vom FC St. Pauli ausgeliehen wurde, hätte ich mir auch bei der Eintracht sehr gut vorstellen können.

Was ist demnach aus Deiner Sicht nötig, um Eintracht dauerhaft in der Zweiten Liga etablieren? Wo siehst Du Eintracht in sechs Jahren?

Entscheidend ist, die Klasse in diesem Jahr zu halten und wieder Kontinuität auf den Positionen Trainer und Sportdirektor zu erlangen. Ohne Kontinuität auf den Schlüsselpositionen und ohne sportliche Expertise im Verein geht nichts im Profifußball. Mit Dennis Kruppe und Tobias Rau hat der Verein deutlich an dieser sportlichen Expertise gewonnen. Diese gilt es zu nutzen.

Mein Wunsch: In sechs Jahren, sechzig Jahre nach der Deutschen Meisterschaft, spielt die Eintracht wieder in der Bundesliga, was sonst ..

Wie sieht Deine Einschätzung von den aktuell Verantwortlichen und von der Mannschaft aus?

Von Trainer Meyer bin ich wie gesagt überzeugt. Er ist klug, hat einen klaren Plan, ist sensitiv, reagiert und ist reflektiert. Ich mag seinen spielerischen Ansatz, nur das kann der Ansatz sein, eine Mannschaft nachhaltig zu entwickeln – und genau das traue ich ihm zu.

Ich mag die Mannschaft. Sie ist neu zusammengestellt, aber sie ist intakt. Sie hat eine großartige Moral, gibt nie auf. Das sagt eine Menge aus über das Binnenverhältnis und auch das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft. Aber das allein wird nicht reichen für den Klassenerhalt.
Die Defizite vorne und hinten sind offensichtlich: Defensiv gibt es zu viele Fehler und zu wenig Kompaktheit. Vorne fehlen Tempo, Dynamik und Effizienz. Die Mannschaft erspielt sich viel zu wenig Torchancen und trifft hinten falsche Entscheidungen. Das hat viel mit der individuellen Qualität einzelner Spieler zu tun.

Was hältst du von der Vertragsverlängerung von Vollmann?

Der Klub setzt mit der Vertragsverlängerung auf Kontinuität, das ist gut. Aber Kontinuität macht nur dann Sinn, wenn eine Entwicklung, eine positive Entwicklung erkennbar ist. Das wird man in der Rückrunde sehen.

Peter Vollmann ist kein Selbstdarsteller, ist nicht der alleinige Macher im Verein, sondern einer, der sich mit hoher Grundloyalität in den Dienst des Großen und Ganzen stellt – und er ist entscheidungsstark: Die beiden Trainer-Entlassungen von Flüthmann und Antwerpen in seiner Ära fielen ihm sicherlich nicht leicht, waren aber richtig. Und klar weiß Peter Vollmann, dass auch er vom sportlichen Erfolg abhängig ist.

Wichtig aus meiner Sicht wäre zu überlegen, ob der Verein nicht noch einen zusätzlichen Sportvorstand etablieren kann – für die strategische Ausrichtung des Klubs. Jemand, der zwischen dem Aufsichtsrat und der operativen Ebene die Ausrichtung des Vereins vorgibt. Jemand, der auch gern die DNA der Eintracht repräsentiert – eine Ausrichtung, die an Werte gebunden ist, wie die regionale Verbundenheit, die Tradition, dass schon der Vater mit seinem Sohn an die Hamburger Straße ging, die Begeisterung, die seit Kindesbeinen da ist, den Fußball in Braunschweig zu leben, authentisch zu leben – das ist EINTRACHT.

Wie findest Du die Idee, eine Eintracht-DNA zu definieren?

Eigentlich finde ich die Idee ganz sympathisch. Andererseits möchte ich meine Leidenschaft zu meinem Verein nicht an bestimmte oder definierte Kriterien binden. Das mache ich bei meiner Partnerin auch nicht, dass ich anfange, sie mit Hilfe von Kriterien zu definieren. Mein Verein ist bedingungslos mein Verein. Er wird nicht hinterfragt, er wird gelebt.

Welchen Stellenwert, welchen Ruf hat Eintracht Deiner Wahrnehmung nach in Deutschland, zum Beispiel bei Deinen Reporter-Kollegen?

Eintracht ist KULT! Das weiß man in ganz Fußball-Deutschland und erst recht bei SKY.

Bild: Robin Burek

Vielen Dank für das Interview!
Jens

SKY-Kommentator Torsten Kunde im Interview: „Ein professionelles Scouting ohne Daten kann ich mir nicht vorstellen.“

Ein Interview von Jens (Teil 1.)

Hallo Torsten, bitte beschreibe als erstes deine Tätigkeit als Fußball-Kommentator bei Sky.

Ich kommentiere seit 2005 bei Sky (vorher Premiere) Fußball-Spiele in der 1. + 2. Bundesliga und im DFB-Pokal – das in unterschiedlichen Formaten: 90 Minuten live oder in der Konferenz oder als Zusammenfassung bzw. Nachbericht in Sportsendungen wie „Alle Spiele alle Tore“.

Torsten Kunde, geboren 1964 in Helmstedt, lebt mit seiner Familie in Braunschweig. Er war viele Jahre Sport-Reporter beim NDR und ist seit 2005 Fußball-Kommentator bei Sky (vorher Premiere).

Welches war Dein schönstes Eintracht-Spiel, was Du kommentieren konntest?

Da gab es zwei Spiele. Zum einen der Aufstieg in die 2. Bundesliga, 2002, als NDR-Radio-Reporter. Ich war live drauf für den NDR, als Thomas Piorunek in der Nachspielzeit – als niemand mehr daran glaubte – das 2:1 gegen Wattenscheid köpfte. Was für eine Erlösung!

Und dann der ersehnte Bundesliga- Aufstieg, April 2013 in Ingolstadt, Damir Vrancic, sein Freistoß, ich war vor Ort, kommentierte live für Sky. Ein perfekter Tag, ein perfektes Erlebnis. Endlich wieder Bundesliga – nach langen 28 Jahren!

Wie schaffst Du es, auch bei Eintracht-Spielen objektiv zu berichten?

Schaffe ich das? (lacht).

Alle Fußball-Kommentatoren sind auch Fußball-Fans und haben einen Lieblingsverein. Natürlich hat man andererseits als Fußball-Kommentator den Anspruch objektiv zu berichten. Das gehört zur Professionalität dieses Jobs, das Spiel nicht aus Fan-Perspektive, sondern objektiv und sachlich kommentieren zu wollen – das gern auch emotional. Aber ich gebe ehrlich zu: Es ist nicht immer einfach; objektiv und sachlich zu bleiben, wenn es meinem Verein nicht gut geht.

Welche Bedeutung hat für Dich die „Systemfrage“, sowohl, was den Fußball allgemein angeht, als auch in Deiner Berichterstattung? Wie wichtig sind also Fragen wie Vierer- oder Dreierkette, ein oder zwei Sechser, ein oder zwei Stoßstürmer?

Eine sehr hohe Bedeutung! Solche Aspekte interessieren mich als Kommentator, aber auch als Fan deutlich mehr als die Frage nach der Frisur oder ob die Spielerfrau mit oben auf der Tribüne sitzt. Taktische Aspekte helfen mir bei der Analyse eines Spiels.

Ein System bzw. eine taktische Grundordnung mit Dreier-Kette / Fünfer-Kette kann das Zentrum stabilisieren, bietet dem Gegner aber auch bestimmte Räume auf den Außen an.
Bei einer Vierer-Kette steht ein Defensivspieler weniger in der letzten Reihe, sie erlaubt mir aber mehr Aktivität im Kampf um den Ball im Mittelfeld und meine Außen sind doppelt besetzt.

Es geht also um das Erkennen von Strukturen eines Spieles –
Strukturen, die mir Antworten darüber geben können, warum eine Mannschaft überlegen ist oder Probleme im Spiel hat.

Wie siehst Du in diesem Zusammenhang Deine Rolle als Kommentator, gerade was die Vermittlung von Fachvokabular betrifft? Siehst Du Dich eher in einer informierenden oder einer unterhaltenden Rolle?

Das ist kein Gegensatz. Die Einseitigkeit halte ich für falsch. Die Kunst ist eine ausgewogene Mischung, eine Balance aus In-formation und Unterhaltung!

Fußball ist immer auch Unterhaltungssport. Allerdings bilde ich ein Spiel so ab, wie ich es sehe und erlebe. Ein wenig unterhaltsames Spiel bleibt in meinem Kommentar ein wenig unterhaltsames Spiel. Sprachwitz dabei finde ich super, wenn er angemessen ist. Häme, Spott, Zynismus, sich über einen Spieler lächerlich machen, um vielleicht eine lustige Note hineinzubringen, finde ich unangebracht. Respekt dem Spiel und den Spielern gegenüber ist mir in meinem Job immer sehr wichtig – und dieser Respekt wird in der Sprache deutlich.

Auf welche Weise nutzt Ihr bei Sky statistische Daten?

Grundsätzlich bin ich nicht der größte Fan von Zahlen. Aber natürlich nutzen wir bei Sky statistische Daten – der eine mehr, der andere weniger. Entscheidend dabei ist die Einordnung der statischen Daten, der Kontext.

Ein Ballbesitz von 70% kann etwas aussagen über die Dominanz einer Mannschaft. Es kann aber auch eine Scheinüberlegenheit sein, eine Spielkontrolle ohne Torgefahr. Es kann auch vom Gegner gewollt sein – um die eigene Spielidee besser durchbringen zu können.

Wichtig einzuordnen ist beispielsweise auch die Passquote bei einzelnen Spielern: Spiele ich nur Sicherheitspässe, habe ich einen Wert von 90%. Der Spieler, der mutig Vertikalpässe spielt, hat dagegen nur einen Wert von 50%, obwohl sein Pass vielleicht zum Torerfolg führt.

Wirklich aussagekräftig ist für mich die Angabe über die Anzahl der herausgespielten Torchancen. Je mehr Torchancen sich eine Mannschaft erspielt, desto höher ist auch Wahrscheinlichkeit, dass du ein Tor erzielt – einfach, aber es bleibt richtig.

Wie schätzt Du auf diesem Gebiet den Trend ein?

Zahlen und Daten sind da und sind Teil des Spiels und sie werden auch immer stärker genutzt. Aber sie werden unterschiedlich eingesetzt.

In den Medien sucht man häufig das Außergewöhnliche. Schalke dreißig Spiele ohne Sieg. Kein Kommentator kommt wohl in diesen Tagen ohne diese Statistik aus. Christian Groß interessiert das in seiner Arbeit mit der Mannschaft nicht. Vereine und Trainer nutzen Daten eher für einen alltäglichen Gebrauch: In der Vorbereitung auf den Gegner bei einer Stärken- und Schwächenanalyse – oder, um die Leistungsmessung und -zuschreibung bei einzelnen Spielern der eigenen Mannschaft zu objektivieren – während der 90 Minuten und auch im Training, um die Trainingsbelastung individuell anzupassen und zu optimieren.

Welche Daten würden dir bei deiner Arbeit helfen?

Dass eine Mannschaft relativ viele Gegentore nach Standards erzielt oder kassiert oder es schafft sich viele Torchancen zu erspielen, ist ein hilfreicher Indikator für mich als Kommentator. Aber noch wichtiger als diese Tatsache ist für mich die Frage nach dem WARUM und dem WIE? Die Muster, die Strukturen, die hinter dem offensichtlichen Indikator stecken, interessieren mich sehr.

Wie stehst Du persönlich zu den Themen datenbasierte Spielanalyse und datenbasiertes Scouting?

Ein professionelles Scouting ohne Daten und Datenbank kann ich mir nicht vorstellen. Der Markt, den ich für mögliche Transfers sondiere und beobachte, ist groß. Und Daten helfen mir dabei den Markt, zu strukturieren und zu systematisieren für den Fall, dass ich einen Spieler auf einer speziellen Position mit speziellen Anforderungen suche und benötige.

Allerdings garantiert dir kein datenbasiertes Scouting auf dieser Welt die richtige Entscheidung. Es ist kein Automatismus. Die Daten sagen mir meistens wenig darüber aus, was für ein Typ dieser Spieler ist, welchen Charakter, welche Mentalität er hat, ob er in meine Mannschaft passt, wie sehr er sich mit dem Klub identifizieren kann, welche Bodenhaftung er hat oder ob er nur kommt zum Abkassieren.
Das passiert jenseits von Daten in einem persönlichen Gespräch, aber du brauchst die Daten für eine Vorauswahl. Gute Neuzugänge sind kein Glückspiel, sondern Ausdruck einer professionellen Scouting-Abteilung.

Du kennst Dich auch im englischen Fußball sehr gut aus, vor allem beim FC Liverpool. Wie wichtig ist Deiner Meinung nach der Einfluss von Dr. Ian Graham und seinem Analyse-Team für den Erfolg vom FC Liverpool?

Er hat einen sehr großen Einfluss auf die Transferpolitik. Einer, der seit 2012 im Klub hinter den Kulissen arbeitet und Klopp Top-Transfers angeboten hat. Andy Robertson zum Beispiel, aktuell einer der besten Linksverteidiger der Welt, der 2017 vom Absteiger Hull City kam und jetzt ein entscheidender Spieler für den Erfolg des FC Liverpool ist. Auch Gini Wijnaldum wurde von ihm bei Newcastle entdeckt. Spieler, die vorher nie ihr Potential gezeigt haben, die aber mit ihrer Spielweise und ihrer Mentalität überragend zu Klopps Mannschaft passen. Ian Graham hat das erkannt und Jürgen Klopp hat beide zu Top-Spielern geformt.

Was sind aus Deiner Warte die größten Unterschiede zwischen dem Fußball in England und in Deutschland?

Deutlich mehr Geld. Das ist ohne Zweifel der erste große Unterschied. Die Stars gehen von Deutschland nach England, nicht umgekehrt. Und dadurch ist nicht nur der Starfaktor in der Premier League höher, was wiederum zur Re-Finanzierung des Systems beiträgt, sondern auch die individuelle Qualität der Mannschaften ist höher. Die Premier League ist oft spannender, weil es immer mehrere Teams gibt, die realistische Chancen haben, die Meisterschaft zu gewinnen.

Von der Kultur und der Tradition her nehme ich auch mehr Respekt wahr. Zeitschinden oder sich nach einem Foul auf dem Boden umherwälzen, ist nicht irgendwie clever oder besonders pfiffig, sondern war schon immer auf der Insel unsportlich – auch vor Zeiten des VAR.

Pfiffe in England gegen die eigene Mannschaft, gegen eigene Spieler, habe ich sehr selten erlebt, verstehe ich auch nicht. Ich gehe nicht zu meiner Mannschaft, um etwas zu erwarten, sondern im schlimmsten Fall durchleide ich mit meiner Mannschaft die 90 Minuten.

In Anfield wird der Torwart der gegnerischen Mannschaft vom KOP immer mit Applaus begrüßt – seit Jahrzehnten ist das so. Mannschaften, die verdient in Anfield gewinnen, werden nicht selten mit Applaus verabschiedet – wenn es nicht gerade Manchester United ist.

Vielleicht ist es dieser Fairplay-Gedanke, dieser Spirit, der mich als Fußballromantiker fasziniert.

Im zweiten Teil des Interviews erfährt ihr, was Torsten Kunde von der aktuellen Entwicklung bei der Eintracht hält. Dieses Interview erscheint später hier auf Blau-Gelbe Datenwelt.