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Zukunftsgestalter CREATEFOOTBALL: „BTSV ist ein Paradebeispiel für Vereine, die ihre gesamte Philosophie von den handelnden Personen abhängig machen“

Moin Mats und Quirin, auch genannt CREATEFOOTBALL, schön das ihr da seid! 🙂 Stellt euch und eure Projekt kurz vor: Was macht CREATEFOOTBALL und wie sieht euer Alltag aus?

Moin Jussi, erstmal danke für die Einladung! Wir beschäftigen uns bei CREATEFOOTBALL hauptsächlich mit den Themen Datenscouting und Kaderplanung im nationalen wie internationalen Fußball. Wir haben einen Podcast „CREATEFOOTBALL – Der internationale Fußballpodcast“, einen Blog und einen Instagramauftritt, wo wir unsere Community mit Insights versorgen.

Dabei steht bei uns immer die Objektivität im Fokus, um Teams, Spieler und Performances neutral und fundiert zu bewerten. Unser Ansatz besteht darin, den Fußball gestalten zu wollen und deswegen arbeiten wir bereits mit einigen Klubs, Berateragenturen und Medien zusammen.

Welcher Unterschied besteht zwischen CREATEFOOTBALL und anderen Datenanbietern wie z.B. InStat und welche Rolle spielt ihr eurer Meinung nach im modernen Fußball?

Wir differenzieren uns in erster Linie darin, dass wir kein Datendienstleister sind. Wir erheben die Daten nicht selbst, sondern interpretieren sie! Mit uns bekommen Vereine kein Tool hingestellt sondern datenbasierte Lösungsvorschläge, die professionell von uns erarbeitet wurden. Hinzu kommt, dass wir auf sämtliche Algorithmen verzichten und nur mit Rohdaten operieren, d.h. wir wissen ganz genau worin Stärken und Schwächen eines Spielers begründet liegen und müssen nicht mutmaßen.

Sollte ich, wenn ich Daniel Meyer wäre, euch anrufen? 🙂 Und wenn ja, warum?

Eintracht Braunschweig hat nach transfermarkt.de den zweitgeringsten Kaderwert der 2. Bundesliga. Das bedeutet, nach finanziellen Maßstäben steigt der Verein ab. Ihr müsst daher cleverer agieren als einige Mitkonkurrenten, um euch dadurch einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Bisher ist leider kein Konzept in der Kaderplanung erkennbar. Peter Vollmann hat sich euch gegenüber bereits geäußert, dass er Daten nur als Zusatzinformation sieht. Aus unserer Sicht ist das der falsche Ansatz. Daten sollten gerade für Klubs mit begrenzten Mitteln der erste Filter sein, da man so den Pool der potenziell interessanten Akteure massiv einengt. Was Daniel Meyer anbelangt, kann er sich gern bei uns melden. Wenn wir mit Vereinen kooperieren, ist unser erster Schritt immer eine umfassende Kaderanalyse, die die Ist-Situation abbildet. Deckt sich die Spielidee des Trainers mit der erbrachten Performance? Welche Spielertypen fehlen dem Trainer, um seine Spielphilosophie bestmöglich umzusetzen? Das sind Fragen mit denen wir uns datenbasiert auseinandersetzen, die die Grundlage für unsere weitere Arbeit darstellen.

Wie ist eure Wahrnehmung oder Einschätzung davon, wie ihr den Fussball weiterentwickeln wollt?

Wir sind der Überzeugung, dass Fußball gestaltet werden sollte. Deswegen haben wir auch den Namen CREATEFOOTBALL gewählt. Vereine sollten eine klare Vorstellung davon haben, welche Transferpolitik sie verfolgen, wie sie Fußball spielen wollen und wohin der Verein innerhalb der nächsten Jahre entwickelt werden soll. Und nach dieser Vorstellung sollten sie ihr Personal auswählen. Dabei unterstützen wir mit unserer Expertise.

Das Thema Datenscouting war gerade ein heißes Thema in Braunschweig und der Verein hat sich sogar zu diesem Thema mit einem Interview mit dem Geschäftsführer Sport, Peter Vollmann, zu Wort gemeldet. Habt ihr diese Diskussion verfolgt und wie sieht ihr die Sache?

Seit Peter Vollmann zu seinem Posten als Sportdirektor der Braunschweiger Eintracht kam, verfolgen wir diese Personalie. Ich kann mich noch genau an seine Antrittsrede erinnern, wo Vollmann darauf hinwies, dass der erste Kontakt mit Braunschweig erst 48 Stunden vor der Unterschrift zustande kam. Allgemein gesprochen ist es ein Paradebeispiel für Vereine, die ihre gesamte Philosophie von den handelnden Personen abhängig machen. Wenn so eine immens wichtige Personalie wie der Sportdirektorposten binnen 48 Stunden entschieden wird, dann kann sich jeder überlegen, wie langfristig andere Bereiche des Vereins geplant sind… Generell sehen wir Braunschweigs Weg sehr kritisch, ohne die Finanzen zu kennen. Die Fluktuation ist hoch, unter Vollmann haben nun bereits drei Trainer gearbeitet – in anderthalb Jahren. Es kamen 24 neue Spieler, während 21 den Verein verließen.

Hinzu kommt, dass aus Kostengründen die Scoutingabteilung abgeschafft wurde! Ein Novum im deutschen Fußball, bietet aber umso mehr Chancen, sich durch präzises Datenscouting auf die Spieler zu konzentrieren, die einem wirklich weiterhelfen. Hier wird aus unserer Sicht ein großes Potenzial verkannt, das den Verlust von Scouts deutlich abfedern würde. So allerdings sind der Subjektivität keine Grenzen gesetzt.

Auf der Homepage sprecht ihr von „neuen Wegen“ im Fussball. Warum sollte ein 125 Jahre alter Traditionsverein wie Eintracht Braunschweig einen neuen Weg gehen und wie könnte dieser konkret aussehen?

Es gibt das Sprichwort „Stillstand ist Rückschritt“. Und wenn man sich die vergangenen Jahre anschaut, dann ist die TSG Hoffenheim mehrfach in den Europacup eingezogen und RB Leipzig binnen kürzester Zeit ins Halbfinale der Champions League vorgestoßen. Der HSV, VfB Stuttgart, der 1. FC Köln und zig weitere ehemalige Bundesligisten fanden bzw. finden sich hingegen in der 2. Liga wieder. Schalke etwa ist auf dem besten Weg dorthin. Warum ist das so? Weil die Prozesse innerhalb der Vereine äußerst ineffizient sind. Es braucht die Zustimmung mehrerer Gremien und somit Monate um Änderungen umzusetzen. Das müssen Traditionsvereine verstehen und begreifen, welch große Chance darin liegt, die sportliche Ausrichtung unabhängig von handelnden Personen zu gestalten.

Was sind für euch die modernsten Vereine im Bereich Datenanalyse und was kann ein Verein wie BTSV von diesen Beispielen lernen?

In erster Linie sind es die Teams von Matthew Benham, dem Eigentümer vom FC Brentford (England, 2. Liga) und dem FC Midtjylland (Dänemark, 1. Liga). Beide erzielen seit Jahren ein Transferplus und schaffen es ein ums andere Mal Abgänge von Leistungsträgern zu kompensieren. Die gesamte sportliche Führung hat sich dem Thema Datenscouting verschrieben und setzt konsequent auf statistische Modelle zur Evaluierung von potenziellen Neuzugängen. Darüber hinaus wird dort auch die Persönlichkeit der Spieler stark miteinbezogen. Weitere Pioniere sind der FC Liverpool, AZ Alkmaar, Brighton & Hove und das RB-Imperium.

Es gibt viele Trainer und Scouts (und eben auch Geschäftsführer Sport), die viel Wert auf Live-Beobachtungen oder das Videomaterial legen. Wie sieht ihr das Thema?

Wichtig, jedoch wird auch hier sehr kostenintensiv und ineffizient vorgegangen. Stellen wir uns mal vor, wir suchen einen neuen Rechtsverteidiger. Was ist sinnvoller? Jeden Rechtsverteidiger, der bezahlbar ist, auf Video zu sichten? Quer durch Europa zu touren, um mal einen vermeintlichen Treffer zu landen, weil ein RV das Spiel seines Lebens spielt? Wohl kaum. Es lohnt sich, vorab ein Positionsprofil zu erstellen, um generell festzuhalten, wonach man sucht und anschließend durch Datenscouting eine Liste von Spielern zu bekommen, die anhand der Daten potenzielle Verstärkungen darstellen. Jetzt wissen wir, welche Spieler von Relevanz sind und können diese Auswahl durch Video- und Livescouting näher betrachten.

Peter Vollmann hat öfter angedeutet, als Verantwortlicher für Spielerverpflichtungen wird man nur so von Angeboten von Beratern zugeschüttet. Was kann ein Verein wie Eintracht tun um den Überblick nicht zu verlieren?

Den Kader selbst gestalten: Wo liegen die Schwachstellen bzw. Potentiale des Kaders? Auf welcher Position besteht Bedarf? Welche Stärken muss der gesuchte Spieler mitbringen? Passen angebotene Spieler in dieses Raster, dann spricht ja nichts dagegen, sie in Betracht zu ziehen. Aber sich selbst darüber im Klaren zu sein, nach welchem Spielertyp man eigentlich fahndet, ist das A und O.

Wenn ihr einen Blick auf die bisherige Zweitligasaison werft, wie schneidet die Eintracht ab?

Die Leistungen lassen stark zu wünschen übrig. Nach expected points ist man Tabellenletzter, was ein alarmierender Fakt ist. Die Performance der Eintracht ist extrem schwach – in diversen Kategorien ist die Eintracht das Ligaschlusslicht. In dieser Grafik sieht man den Vergleich zwischen der Eintracht mit dem Ligadurchschnitt. In allen vier Kategorien Ligatiefstwert! Dass man derzeit auf einem Nicht-Abstiegsplatz steht, ist vor allem auf Matchglück zurückzuführen. Neben den dargestellten Kategorien sind auch die wenigen angekommenen Schlüsselpässe, sowie Schwächen im Torabschluss und Kopfballduellen offensichtlich. Zudem lässt die Flankengenauigkeit Potenziale offen… Das zeigt sich insbesondere darin, dass nur 15% der Eckbälle mit einem Abschluss gekrönt sind. Auch die Konter sind sehr ineffizient mit nur 11%. Es gibt leider wirklich wenig, was Hoffnung macht, die Eintracht sollte tunlichst den Kader und Spielweise anpassen, um nicht abzusteigen!

In den Medien war zuletzt von einem Braunschweiger Interesse an einem neuen Innenverteidiger und einem linken Flügelspieler zu lesen. Inzwischen wurde mit Brian Behrendt ein Neuzugang verkündet. Ist er eine Verstärkung?

Braunschweig hat auf vielen Positionen Bedarf. Mangels Finanzkraft wird dies nicht binnen eines Transferfensters zu beheben sein. Am dringendsten dürften in der Tat diese beiden Positionen sein. Wir würden eine Systemumstellung auf ein 4-2-3-1 präferieren, um mehr Offensivkraft zu entwickeln. Hinzu kommt, dass sich Innenverteidiger Robin Ziegele mit seinen Stats – 35% Kopfballquote, 70% angekommenen Pässen und 56% gewonnene Defensivzweikämpfen – als nicht zweitligatauglich erweist. Ein kopfballstarker Innenverteidiger tut der Eintracht gut, da auch Nikolaou (58%) und Wydra (55%) keine Kopfballungeheuer sind. Zudem könnte der Neuzugang mehr Gefahr bei Eckbällen entfachen. Mit Brian Behrendt bekommt die Eintracht eine Verstärkung im Vergleich zum vorhandenen Personal, jedoch hat dieser aufgrund seines Außenmeniskus- und Kreuzbandrisses nahezu die gesamte vergangene Saison aussetzen müssen. Wie es um seine Leistungsfähigkeit steht, kann daher nur gemutmaßt werden.

Die Daten von Behrendt beziehen sich daher auf alle Spiele seit 2018, die er in Ligaspielen erbracht hat. In einem System mit zwei Innenverteidigern dürfte er – sofern er einen adäquaten Fitnesszustand aufweist – Wydra verdrängen.

Auf der linken Außenbahn muss ein Inside Forward kommen, der gern ins Dribbling geht, den Abschluss sucht und ein stetiger Unruheherd durch viele Aktionen darstellt. Dies könnte ein junger Akteur sein, zumal die Eintracht-Startelf relativ alt ist (27.8 Jahre im letzten Ligaspiel).

Dazu passend haben wir einige Kandidaten aus insgesamt 22 europäischen Ligen herausgefiltert:

Stefano Vecchia (25, Sirius, 1. Liga Schweden) ist dabei unser Topfavorit, den Peter Vollmann auf dem Zettel haben sollte. Er schießt 3.59-mal pro Spiel aufs Tor, geht 7.2-mal ins Dribbling hat dabei eine Erfolgsrate von guten 66 Prozent. Der Kontrakt des Schweden ist zudem im Winter ausgelaufen, er wäre wohl ablösefrei zu haben – bzw. war, wenn man frühzeitig reagiert hätte.

Alle aufgeführten Spieler dürften absolut erschwinglich sein und gelten als No-Names, die wahrscheinlich kaum jemand auf dem Schirm hat. Wenn man einen Perspektivtransfer tätigen will, sollte man die Namen Noah Weißhaupt (SC Freiburg) und Jascha Brandt (Werder Bremen) miteinbeziehen. Sie könnten perspektivisch der Eintracht helfen, sofern sie ihr Leistungsniveau an das höhere Spielniveau anpassen können.

Wo kann man sich mehr zum Thema Datenscouting anlesen oder anschauen?

Es gibt einige interessante Werke. „Die Fußballmatrix“ von Christoph Biermann fand ich sehr inspirierend. Wer lieber Filme schaut, sollte sich „Moneyball“ und Teile der Sunderland-Dokumentation (beide bei Netflix verfügbar) anschauen und die vorherrschenden Scoutingprozesse einmal kritisch hinterfragen…

Vielen Dank für das Gespräch!

Datenscouting-Guru Böttger antwortet Vollmann: „Wir können Eintracht zeigen, ob ein Spieler besser in der Vierer- oder Fünferkette spielt.“

Hallo Löwen,

in dieser Woche wurde viel über das Thema Datenscouting diskutiert. Peter Vollmann meldete sich am Freitag deswegen zu Wort. Nach der 1:3 Niederlage gegen Karlsruhe kocht die Lage um die Mannschaft herum nochmal ein bisschen höher. Die Wintertransfers könnten eventuell sehr, sehr wichtig werden. Ich habe mit dem Datenscouting-Guru Dustin Böttger über Peter Vollmanns Aussagen und die Situation bei der Eintracht gesprochen.

BGDatenwelt: Hallo Dustin, erstmal vielen Dank für dieses Interview und all die Daten, die du uns Fans der Braunschweiger Eintracht in den letzten Monaten zur Verfügung gestellt hast. Stell dich und deine Firma Global Soccer Network (GSN) kurz vor. Was macht GSN und wie sieht euer Alltag aus?

Dustin: Hallo Jussi, erst mal vielen Dank für das Interview hier auf Blau-Gelbe Datenwelt und ein noch größeres Dankeschön, dass du den Fans von Eintracht Braunschweig Tag für Tag Daten und Statistiken näher bringst.

Kurz zu meiner Person. Ich bin Gründer und Geschäftsführer von Global Soccer Network. Wir bei GSN liefern Analysen zu über 450.000 Spielern weltweit, dazu zu allen relevanten Clubs, Ligen und Wettbewerben. Alles basierend auf Big Data, Algorithmen und künstlicher Intelligenz. Das Ziel war immer, Spieler so objektiv wie möglich zu bewerten, was uns auch ganz gut gelungen ist. Ohne so vermessen zu sein und zu sagen, unser System wäre absolut perfekt – aber daran arbeiten wir jeden Tag :).

Der Alltag sieht so aus, dass wir diverse Anfragen unserer Klienten bearbeiten. Die Anfragen sind dabei so vielfältig, dass es hier den Rahmen sprengen würde, im Einzelnen darauf einzugehen. Mal müssen wir einen bestimmten Spielertypen analysieren, mal eine komplette Liga nach passenden Kandidaten durchforsten, mal auch nur einen Scouting Report zu einem speziellen Spieler anfertigen. Dazu beraten wir auch Clubs auch, wie sie ihre Scouting- und Analyseabteilungen optimal aufstellen können. Und wir entwickeln natürlich unsere Algorithmen und Systeme ständig weiter, testen dazu auch immer wieder neue Dinge, neue Metriken und Ansätze, die den Fußball noch ein paar Prozent berechenbarer machen sollen. Das ist der Part, der mir übrigens am meisten Spaß macht :). Das hat sich über all die Jahre nicht geändert. Allerdings hatte ich vor Corona wenig Zeit dazu, da ich doch sehr oft weltweit unterwegs war. Das ist momentan alles etwas entspannter, obwohl ich natürlich auch hoffe, dass diese Pandemie bald ein Ende hat.

Datenscouting-Guru Dustin Böttger, CEO von Global Soccer Network.

BGDatenwelt: Es wurde in den letzten Tagen viel über Scouting mit Daten bei der Eintracht geredet. Du und deine Firma Global Soccer Network verdienen mit Datenscouting und Spielerranking euer Brot. Wie betrachtest du die Diskussion in Deutschland und ganz besonders bei der Braunschweiger Eintracht?

Dustin: Manchmal bin ich ehrlich gesagt etwas überrascht über die Thematik der Diskussion. Ich könnte es nachvollziehen, wenn wir inhaltlich diskutieren würden. Macht Wert A mehr Sinn als Wert B? Welche Werte könnten bei der Spielerbewertung interessant und vor allem relevant sein? Darüber diskutieren wir aber nicht, mit Ausnahme der Analyseszene vielleicht. Wir hier in Deutschland und soweit ich das einschätzen kann, auch im Umfeld der Braunschweiger Eintracht, führen eher die Grundsatzdiskussion, ob Datenanalysen im Fußball überhaupt Sinn machen? Es wird immer noch als Schwachsinn, Nerdsch… etc. abgetan. Man hat doch zwei Augen und ein gutes Bauchgefühl. Dazu ist Fußball so ein einfaches Spiel, da sieht doch jeder, ob ein Spieler gut ist oder schlecht. So einfach ist es, meiner Meinung nach, aber nicht. Was bringen uns Daten? Richtig genutzt bringen sie uns Objektivität in eine Beurteilung. Richtig genutzt bringen sie uns Effizienz. Richtig genutzt minimieren sie die Fehlerquote. Bezogen auf den Fußball heißt das, wir können Spieler leistungsgerecht bewerten. Wir können diese Bewertungen quasi auf Knopfdruck für tausende Spieler gleichzeitig abrufen. Und wir können uns im Nachgang auf die 5 bis 10 relevanten und richtigen Spieler fokussieren.

Die Diskussion sollte also nicht sein, Datenanalyse – ja oder nein? Sondern Datenanalyse ja – wie benutze ich sie richtig und effizient. Da hinkt der Fußball, gerade in Deutschland und auch im Speziellen in Braunschweig, wenn man die Aussagen der Verantwortlichen in Betracht zieht, sehr hinterher. In anderen Ländern ist das alles längst angekommen, da stellt sich die Frage, ob ja oder nein, nicht mehr. Will der Fußball hierzulande konkurrenzfähig bleiben, wird er sich dem anpassen müssen, umso schneller umso besser.

BGDatenwelt: Peter Vollmann, Geschäftsführer Sport bei der Eintracht und Verantwortlicher für den Bereich Scouting bei der Eintracht, meldete sich auf der Homepage und auf Abseits.TV nach der Kritik, die er wegen seiner Aussagen auf der Jahreshauptversammlung bekommen hat, zu Wort. Im Interview auf eintracht.com sagte er:

„Daten sind erstmal nur Zusatzinformation. Die Daten werden mit einem Algorithmus generiert. In verschiedenen anderen Branchen, wie zum Beispiel der Finanzwirtschaft, macht ein Algorithmus auch nicht immer alles richtig. Die letzten Daten liefert uns das aber nicht, sondern die müssen wir uns selbst erarbeiten.“

Wie beurteilst du seine Aussage?

Dustin: Ja, was soll ich dazu sagen? Wie formuliere ich das ohne jemanden zu nahe zu treten? Peter Vollmann ist schon lange im Geschäft, hat großen Fußball Sachverstand und ganz bestimmt sehr viel mehr richtige Entscheidungen getroffen als falsche. Aber diese Aussage, nun ja. Daten als Zusatzinformationen zu bezeichnen, verstehe ich nicht. Als Zusatz zu was? Der eigenen Intuition? Der eigenen Einschätzung? Hier wird aus meiner Sicht ein grundlegender Fehler gemacht. Daten sollten NIE nur Zusatzinformation sein. Daten sollten die Grundlage für Entscheidungen sein! Dramatisieren wir das mal und vergleichen es mit der aktuellen Coronakrise. Ich will mir nicht vorstellen, wie die Zustände in Deutschland wären, wenn die Entscheidungsträger die Daten zu Corona nur als Zusatzinformation betrachten würden und nicht als Entscheidungsgrundlage. Ich denke, unsere Infektionszahlen würden durch die Decke gehen. Harter Vergleich, zugegeben. Aber es trifft den Kern.

Peter Vollmann spricht von einem Algorithmus. Was für ein Algorithmus? Was soll der Algorithmus aussagen? Das ist nichtssagend und sehr oberflächlich. Wenn ich mir unser System anschaue, kann ich nicht von „dem Algorithmus“ sprechen. Wir haben zig Algorithmen im Einsatz. Sei es, um das Potential zu bewerten. Sei es dafür, wie deckungsgleich Spieler in ihrer Spielweise sind. Ich könnte noch eine Weile weitermachen mit meiner Aufzählung. „Den Algorithmus“ gibt es schlicht nicht, wenn man sich allumfassend mit Datenanalysen beschäftigt.

Ein Algorithmus macht nicht alles richtig. Da stimme ich Peter Vollman voll und ganz zu. Weder Algorithmen in der Finanzwirtschaft machen alles richtig noch unsere Algorithmen bei GSN machen alles richtig. Werden sie im Übrigen auch nie können. Das vorweg. Sollen sie aber auch gar nicht. Sie sollen viel eher die Fehlerquote minimieren und so gering wie möglich halten. Machen Menschen und ihre Einschätzungen und Eindrücke alles richtig? Ganz bestimmt nicht! Auch hier kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass man mit seinen Eindrücken und Einschätzungen meilenweit daneben liegen kann. Sowohl im Fußball als auch in allen anderen Lebensbereichen.

Wenn man mich fragen würde, ob ich mittel- und langfristig im Scouting auf menschliche Einschätzungen oder Algorithmen setzen würde, würde ich immer den Algorithmus vorziehen, da die Fehlerquote auf Sicht geringer sein wird.

“The idea that I should trust my eyes more than the stats, I don’t buy that because I’ve seen magicians pull rabbits out of hats and I know that the rabbit’s not in there.” (Billy Beane – Moneyball)

Die letzten Daten? Schwer zu deuten, was damit gemeint ist. Ich gehe davon aus, dass damit Dinge wie die Persönlichkeit eines Spielers gemeint sind. Ist er introvertiert oder extrovertiert? Geht er in Drucksituationen voran? Braucht er Coaching von Mitspielern während einer Partie? Wenn dem so ist, teile ich seine Meinung zu großen Teilen, aber nicht komplett. Meine Meinung ist die, dass es für gewisse Einschätzungen zu Spielern, ich will es mal grob zusammengefasst, „alles Mentale“ nennen, Menschen braucht. Geschulte Scouts, die ein Auge genau für diese Dinge haben. Das ist auch essentieller Teil unseres Systems. Unser Netzwerk an Scouts weltweit liefert genau das über Spieler. Insofern ist der Faktor Mensch oder das klassische Scouting nicht zu ersetzen. Aber man kann es weiterdenken. Und die Einschätzungen der Scouts in Zahlenwerte transferieren. Das geht. Wir hatten am Anfang davon auch keine Ahnung, haben uns aber Expertisen von Sportpsychologen zu dieser Thematik geholt. Und siehe da, auch das können Daten letztlich liefern.

BGDatenwelt: Peter Vollmann hat öfter angedeutet, als Verantwortlicher für Spielerverpflichtungen wird man nur so von Angeboten von Beratern zugeschüttet. Was kann ein Verein wie Eintracht tun um den Überblick nicht zu verlieren?

Dustin: Ganz kurz und knapp. Auf Daten setzen. Auf eine Datenbank setzen, die die richtigen Informationen zu den Spielern liefert, die Daten in Kontext setzt und keinen Raum für Interpretationen lässt. Macht einen Club im Übrigen auch sehr viel unabhängiger was die Einflussnahme von außen angeht, sei es durch Spielerberater, Medien etc..

BGDatenwelt: Vollmann hat auch viel von einem Algorithmus gesprochen und angedeutet, dass der Algorithmus nicht alles erzählen kann, zum Beispiel nicht, in welchem System ein Spieler reinpasst, ob ein Spieler in einer Fünferkette und Viererkette spielen kann und wie wichtig sein Nebenmann für ihn ist. Laut Vollmann bleiben bei dem Algorithmus viele Daten außen vor. Er fügte auch hinzu, dass wenn der Algorithmus so perfekt wäre, dann würde es auch keine Fehlverpflichtungen mehr geben. Automatisch würde er mehr richtig liegen. Was denkst du über seine Aussagen und was kann der Algorithmus bei GSN alles sagen? Hat Peter Vollmann recht?

Dustin: Ich habe es ja zwei Fragen zuvor eigentlich schon beantwortet. Ich weiß nicht, mit welchen Algorithmus Peter Vollmann bzw. die Verantwortlichen in Braunschweig, arbeiten. Für mich klingt diese Aussage sehr platt und vermittelt mir den Eindruck, dass man sich nicht wirklich mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Wir können mit unseren Daten sagen, ob ein Spieler besser in der Vierer- oder Fünferkette spielt, wir können die Abhängigkeit seines Nebenmanns berechnen, wir können ebenfalls berechnen, welcher Spieler wie gut mit seinen einzelnen Mitspielern zusammenspielt. Dazu gibt es zig weitere Dinge, die machbar sind. Ich kann Spieler aufgrund ihrer Spielweise und Eigenschaften miteinander vergleichen, um zu sehen, wie deckungsgleich sie sind. Ein großes Plus, wenn ich einen bestimmten Spieler möglich 1 zu 1 ersetzen will. Ich kann meine eigene Spielweise analysieren und sie mit allen anderen Clubs weltweit vergleichen. Welche Clubs haben zu einem hohen Prozentsatz ein gleiches Spielsystem und welche Spieler spielen dort? Kennt ein Neuzugang meine Spielweise von seinem alten Club, wird er sehr viel weniger Zeit zum Eingewöhnen brauchen und wird wesentlich schneller gut performen. Das ist alles nur die Spitze des Eisberges, es ist noch so viel anderes machbar, was mir Vorteile im Scouting und in der weiteren Entscheidungsfindung bringt.

Insofern kann ich Peter Vollmann hier in keinster Weise recht geben, ganz im Gegenteil. Aufgrund dieser Aussagen behaupte ich, dass man sich maximal oberflächlich mit diesem Thema befasst hat.

BGDatenwelt: Es gibt viele Trainer und Scouts (und eben auch Geschäftsführer Sport), die viel Wert auf Live-Beobachtungen oder das Videomaterial legen. Wie siehst du das Thema?

Dustin: Ich halte sie für unverzichtbar! Ganz ehrlich. Aber man muss es alles richtig zu nutzen wissen. Stellen wir uns das Scouting als drei Säulen vor. Die erste Säule die Daten, die zweite Säule die Videos, die dritte Säule das Livescouting. Ist die Reihenfolge der Säulen relevant? Absolut! Weil NUR SO wirklich effizient gescoutet werden kann! Die Daten müssen meine Grundlage sein – immer! Dann muss ich mir nicht 200 mögliche Sturmkandidaten reinziehen, sondern kann es basierend auf den relevanten Daten auf 20-25 Kandidaten runterbrechen, oft ist Liste noch kürzer. Aber gehen wir mal von 20 Kandidaten aus. Wir haben also von 200 möglichen Kandidaten quasi via Knopfdruck auf 20 Kandidaten runtergebrochen. Was auch bedeutet, ich habe plötzlich viel mehr Zeit für die Säulen Zwei und Drei. 90% sind via Knopfdruck weggefallen und ich kann mich nun viel intensiver dem Videoscouting, den wirklich relevanten Kandidaten widmen. Dadurch wird auch diese Säule qualitativ wesentlich besser, da ich plötzlich nicht mehr so unter Zeitdruck stehe. Durch das Videoscouting konnte ich wiederum einige Spieler ausschließen, weil mir beispielsweise gewisse Bewegungsabläufe nicht gefallen, das taktische Verhalten in gewissen Schlüsselsituationen vielleicht nicht so passt etc.. Dafür ist das Videoscouting da, um genau das zu erkennen. Was passiert mit meiner Liste von Spielern? Von 20 haben ich nun vielleicht noch 5-7 Kandidaten über, die ich nun, ebenfalls durch die immensen Zeiteinsparungen zu Beginn, intensivst live scouten kann, vielleicht sogar das Umfeld des Spielers kennenlernen kann, um den letzten finalen Eindruck zu bekommen, ob der Spieler passt oder nicht.

Agiere ich so, ist mein Scouting sowohl effizient als auch kostengünstig, was gerade bei Clubs ohne, oder mit einer sehr kleinen Scouting Abteilung, ein absolutes Muss sein sollte.

BGDatenwelt: Eintracht hat immer noch keine Scouting-Abteilung und ein Grund dafür soll sein, dass dazu die finanziellen Mittel fehlen. GSN hat Eintracht das Angebot gemacht, sie kostenlos zu beraten. Was könntet ihr der Eintracht in dieser Situation anbieten, weswegen Peter Vollmann sofort zum Telefon greifen muss und Dustin Böttger anrufen sollte?

Dustin: Das ist mir zu einfach, das auf finanzielle Mittel zu schieben, tut mir leid. Die Frage, die ich mir da stellen muss, ist eher, ob ich anstatt 27 oder 28 Spieler im Kader vielleicht doch mit 25 zurechtkomme. Meinen Kader vielleicht strukturierter zusammenstellen, mehr polyvalente Spielern die mehrere Positionen bekleiden können, zum Beispiel. Die Spieler 26, 27, 28 kommen sehr wenig zum Spielen, stehen aber auf der Payroll. Gehen wir davon aus, dass diese Spieler nicht zu den Großverdienern im Kader gehören, sondern eher am unteren Ende der Gehaltsliste stehen. Das Mindestgehalt für Spieler der 2.Liga liegt nach meinem Kenntnisstand bei 1950 Euro brutto pro Monat. Nehme ich das x12 und das wiederrum x3, komme ich auf 70.200 Euro, die ich im Jahr frei hätte für Scouting und Analyse. Und das ist sehr sehr niedrig kalkuliert, man könnte wahrscheinlich deutlich mehr Budget frei machen, wenn man das wollte.

Ich habe auch die Aussage von Herrn Vollmann im Kopf, dass der Markt Gehalt und Marktwert bestimmen. Das stimmt nur bedingt. Es gibt diverse Marktineffizienzen im globalen Fußball, die muss man finden und ausnutzen. Wenn ich kein Geld habe, muss ich irgendetwas anders machen als der Rest. Beispiel Moneyball und die Oakland A´s unter Billy Beane. Die Payroll war ein Witz im Vergleich zu den New York Yankees, Boston Red Sox etc., das Team hatte eigentlich überhaupt keine Chance. Man hat sich aber genau die genannten Marktineffizienzen zunutze gemacht und hatte plötzlich eine schlagkräftige Truppe. Geht nicht im Fußball? Geht doch! Der FC Midtjylland in Dänemark und der FC Brentford in England sind Paradebeispiele dafür. Midtjylland ist mittlerweile 3- maliger dänischer Meister, setzt zu einem sehr großen Teil auf Datenanalysen. Brentford in der englischen Championship ein Aufstiegskandidat in die Premier League trotz einem im Ligavergleich geringen Etat. Auch hier sind Datenanalysen der wesentlichste Teil des Scoutings.

Eintracht Braunschweig wäre aus meiner Sicht einer der idealen Clubs, diese Art des Scoutings umzusetzen. Aktuell keine Scouting Abteilung in Sicht, das Budget sehr gering. Um auf Dauer konkurrenzfähig zu sein und bleiben zu können, wäre es wünschenswert, wenn die Verantwortlichen willens wäre, ihre Einstellung zu ändern beziehungsweise anzupassen. Ich erneuere mein Angebot noch mal, wir würden Eintracht Braunschweig zum Einstieg kostenlos beraten, zeigen, was wirklich mit Daten möglich ist, zeigen, welche Spieler für Braunschweig interessant und bezahlbar sein könnten. Aus unserer Sicht kann Braunschweig hier nur gewinnen, im Idealfall durch die Optimierung der Scouting Prozesse, aber selbst wenn nicht, ist man immerhin auf dem aktuellen Stand, was Daten so alles können und hat zusätzlich eine neue Sichtweise auf die Dinge gewonnen. Letztlich liegt es jetzt an den Entscheidungsträgern vor Ort, ich würde mich freuen, von Peter Vollmann zu hören.

BGDatenwelt: Vielen Dank für das Gespräch!

Peter Vollmanns Aussagen:

Abseits.TV

Eintracht.com

What The Stats Tell Us: Relegation play-off in Germany

In football there are some mistakes that cost you a whole season. The margins are small, each time you make a mistake it can be a fateful one. Of course, one could argue, over a season mistakes or even bad luck can be balanced out, and in some ways that is true, but fortune still plays a bigger role than we might think. In this article I try to analyse the relegation play-off system in Germany to find out how fair or unfair it is for the teams who have to take part in it.

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